NSU Leiche wird auf Gift untersucht

Nach dem überraschenden Tod einer Zeugin hat die Obduktion nach Angaben der Polizei keine Hinweise auf ein Fremdverschulden ergeben.
Nach dem überraschenden Tod einer Zeugin hat die Obduktion nach Angaben der Polizei keine Hinweise auf ein Fremdverschulden ergeben. © Foto: dpa
Karlsruhe / THUMILAN SELVAKUMARAN 31.03.2015
Ein weiterer Zeuge im NSU-Komplex stirbt: Melisa M.. Fremdverschulden sei auszuschließen, teilen die Ermittler mit. Dennoch soll der Leichnam auf Medikamente und Gifte untersucht werden.

Melisa M. trägt ihre langen schwarzen Haare offen, wie auf Fotos zu sehen ist. Erst im Februar hat sie sich verlobt, vor einer Woche ihren 20. Geburtstag gefeiert. Unheimliche Angst begleitete die Kraichtalerin vor wenigen Wochen, als sie sich mit ihrem Verlobten auf den Weg zum Stuttgarter NSU-Untersuchungsausschuss machte. Sie sollte als Zeugin aussagen - wollte dies aber nicht vor Publikum machen, weil sie sich bedroht fühlte. Das Gremium spielte mit, vernahm sie in einem Nebenzimmer.

Kaum etwas von ihrer Aussage drang an die Öffentlichkeit: Nur eines: Die junge Frau könne nichts zu den Hinweisen ihres Ex-Freundes zum Heilbronner Polizistenmord sagen. Florian H. hatte 2011 behauptet, er wisse, wer die Täter sind. Der 21-jährige Neonazi-Aussteiger verbrannte allerdings am 16. September 2013 in seinem Wagen - just an jenem Tag, als er erneut von Beamten befragt werden sollte. Vor drei Tagen starb auch Melisa M. jung.

Vergangene Woche, einen Tag nach ihrem Geburtstag, fuhr sie mit dem Motorrad ihres Lebensgefährten auf einem Motocross-Gelände in Odenheim und stürzte bei geringer Geschwindigkeit. Laut Staatsanwaltschaft hat sich M. eine Prellung im Knie zugezogen. Bei zwei Ärzten bekam sie eine Thrombosevorsorge. Dennoch dürfte sich ein Thrombus gelöst und eine Arterie in der Lunge verstopft haben. Am Samstagabend fand der Verlobte die junge Frau krampfend auf dem Boden. Die Ärzte konnten sie nicht mehr retten. Die Rechtsmediziner sprechen von einer tödlichen Lungenembolie, fanden "keine Anzeichen für eine wie auch immer geartete Fremdeinwirkung". Der Fall könnte zu den Akten wandern, hinterlässt aber Fragen.

Den Behörden ist die Brisanz bewusst - vor allem nach den bekanntgewordenen Ermittlungspannen im Fall Florian H.. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe hat gestern angeordnet, die Leiche der 20-jährigen M. nach Spuren von Medikamenten und Giften sowie Gewebeveränderungen zu untersuchen.

Wolfgang Drexler (SPD), Vorsitzender des NSU-Ausschusses, begrüßte die weiteren Analysen, wenngleich er keine Zweifel an den Schilderungen der Behörden habe. SPD-Obmann Nikolaos Sakellariou spricht angesichts des Unfallverlaufs von M. von einer "absoluten Sondersituation". "Wie oft haben sich meine Kinder an den Knien verletzt, ohne dass ich eine Thrombosevorsorge in die Wege geleitet habe." Dennoch sei unwahrscheinlich, dass jemand die Lungenembolie von außen verursacht haben könnte. "Vor dem Hintergrund der Situation scheint mir die Prüfung der Obduktionsergebnisse angebracht." Auch der Ausschuss könne sich mit der Thematik befassen - aber nur, wenn die Eltern Zweifel an der These äußerten, so Sakellariou.

Alexander Salomon von den Grünen fordert, dass "ohne jedwede Zweifel Fremdverschulden ausgeschlossen werden muss". Wenn das klar sei, "dann müssen wir das so hinnehmen - so tragisch das ist". Eine Lungenembolie sei in Deutschland die dritthäufigste Erkrankung, die zum Tode führe.

Beziehung zu Florian H.

Zeugin Florian H. soll sich 2013 aus Liebeskummer selbst getötet haben. Seine damalige Freundin Melisa M. wurde dazu nie von Ermittlern befragt. Diese Aufgabe übernahm vor wenigen Wochen der NSU-Untersuchungsausschuss in Stuttgart. Dabei erklärte Melisa M. unter anderem, dass nicht sie sich von dem Eppinger getrennt habe, wie es in der Ermittlungsakte steht. Florian H. habe mit ihr am Abend vor seinem Tod, gegen 23 Uhr, per SMS Schluss gemacht. Zu Kontakten ihres Ex-Freundes in die Neonazi-Szene habe sie keine Angaben machen können, sagen die Mitglieder des Ausschusses übereinstimmend.

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