Stuttgart / ANDREAS BÖHME Das gab‘s noch nie: Alle Lehrergewerkschaften formieren sich mit den Eltern gegen die Landesregierung. Sie wollen Zeitverträge für Lehrer abschaffen.

Einträchtig sitzen sie nebeneinander auf dem Podium: die große GEW und der kleinere VBE. Die beiden Bildungsgewerkschaften haben sich einem Aufruf des Landeselternverbandes angeschlossen, und nicht nur sie: Auch der Philologenverband  der Gymnasiallehrer, der Beamtenbund  und der Berufsschullehrerverband  haben sich in bislang nicht gekannter Einmütigkeit erklärt: Befristete Arbeitsverträge seien nicht nur sozial verwerflich, sondern auch kontraproduktiv. Denn die ohnehin knappe Lehrerreserve werde vertrieben in die Nachbarländer, wo die Bedingungen besser seien.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hatte wie berichtet  Ende Juni alten Wahlkampfforderungen der jetzigen Landesregierung eine Absage erteilt: Es bleibe bei befristeten Verträgen, die am letzten Schultag enden und dann erst nach den Sommerferien fortgeführt werden. Eine durchgängige Beschäftigung über die sechs Wochen Sommerferien koste 35 Millionen Euro, das gebe der Etat nicht her. Schulministerin Susanne Eisenmann (CDU) pflichtete Kretschmann bei: „Priorität haben Vorhaben, die auf die Unterrichtsqualität, die Förderung von Schülern und die Unterstützung der Lehrkräfte in ihrer pädagogischen Professionalität“ zielen. Strittig sind allerdings die Zahlen: Während  die GEW von 9000 Zeitvertragslehrern ausgeht,  spricht Eisenmann von nur zwei Prozent der rund 111.000 Pädagogen im Land, also etwa 2200. Und auch der Aufwand wird unterschiedlich beurteilt: VBE-Landeschef Gerhard Brand hält Kretschmanns Berechnungen für plausibel, Eisenmann  hingegen zieht Zahlen ihres Kultusministeriums heran, die von einem Mehrbedarf von lediglich 20 Millionen Euro sprechen. Dennoch sei die Entscheidung früherer Landesregierungen, an den befristeten Verträgen festzuhalten, „mit Blick auf den Landeshaushalt  unverändert nachvollziehbar.“

Die konzertierte Aktion will das nicht hinnehmen, auch die FDP-Fraktion steht an ihrer Seite. Sie will übergangsweise das Referendariat um sechs Wochen verlängern, damit die Beschäftigung nicht unterbrochen wird. Alle fürchten, dass die Arbeitslosigkeit während der Ferien und der späte Schulbeginn Mitte September viele  Junglehrer, die wegen schlechterer Noten nicht sofort in den beamteten Schuldienst übernommen werden, in die Nachbarländer und in die Schweiz abwandern. Brand: „Wir können es uns nicht leisten, diese Kollegen zu verlieren.“ Dadurch werde unter anderem die ohnehin als schmal empfundene Reserve für Krankheitsvertretungen weiter schwächen.

GEW-Landeschefin Doro Moritz fordert deshalb, diese Reserve mit derzeit rund 1700 Pädagogen um ganze 4000 Deputate aufzustocken. Gerade angesichts des schlechten Lernstandes bei Achtklässlern, die in der vergangenen Woche durch die Schulstudie Vera bekannt wurden, komme der Lehrerversorgung große Bedeutung zu. Der Vorsitzende des Landeselternbeirates Carsten Rees sagte: „Die letzten drei oder vier Landesregierungen  haben das an die Wand gefahren.“  Mit Durchwurschteln sei es jetzt vorbei, man plane weitergehende Proteste. Die, so kündigte er die Auseinandersetzung mit Schul- und Finanzministerium an,  „werden dann nicht mehr nett.“