Stuttgart Langer Weg zur Adoption

Erfüllt sich der Wunsch nach einem adoptierten Kind? "Wir haben keinen Riesenberg an Kindern für adoptionswillige Paare", sagen die Jugendämter.
Erfüllt sich der Wunsch nach einem adoptierten Kind? "Wir haben keinen Riesenberg an Kindern für adoptionswillige Paare", sagen die Jugendämter. © Foto: dpa
Stuttgart / CHRISTINE CORNELIUS, DPA 18.12.2014
Vom Wunsch nach einem Adoptivkind bis zu einem ersten Treffen mit dem neuen Familienmitglied können Jahre vergehen. Oft haben Paare falsche Erwartungen - aus Sicht der Jugendämter.

Viele Paare im Südwesten warten seit Jahren auf ein Adoptivkind, manchmal vergeblich. "Wir haben keinen Riesenberg an Kindern, die auf Eltern warten, es ist eher andersherum", sagte Reinhold Grüner, Vizechef des Landesjugendamtes in Stuttgart. Viele Adoptionsbewerber verstünden nicht, warum es so lange dauere. "Das liegt nicht am bösen Willen der Behörden. Wir suchen keine Kinder für die Eltern, sondern die optimalen Eltern für die Kinder." Auch die stellvertretende Jugendamtsleiterin des Rhein-Neckar-Kreises, Susanne Keppler, sagt: "Wir können Paaren keine Garantie geben, dass es überhaupt jemals klappt. Viele wollen von uns statistische Werte und Wahrscheinlichkeiten haben. Aber es hat viel mit Zufall zu tun."

Leichter werde es, wenn sich Interessenten bereiterklärten, erst einmal ein Kind zur Pflege aufzunehmen, betonte Keppler. Später könnten sie es dann vielleicht adoptieren. "Wenn die Leute sagen, wir wollen nur adoptieren, dann steht die Akte lange im Schrank." Rechtlich gebe es gravierende Unterschiede. Zu Beginn eines Pflegeverhältnisses hätten etwa die leiblichen Eltern oft noch das Sorgerecht, sie können damit viele wichtige Dinge entscheiden. Pflegeeltern müssten zudem einen Teil ihrer Privatsphäre aufgeben. So stünden Besuche der leiblichen Eltern oder des Jugendamtes an. "Sie werden sozusagen eine öffentliche Familie."

Den Experten zufolge gehen zahlreiche Paare auch mit falschen Erwartungen an das Thema Adoption. "Viele haben die Idee, dass die Heime voll sind mit Kindern, die keine Eltern mehr haben. Diese Situation haben wir aber seit 30 Jahren nicht mehr", sagte Keppler. Es würden so gut wie keine Waisen vermittelt. In der Regel seien die leiblichen Eltern psychisch krank, alkoholabhängig oder die Kinder würden wegen Verwahrlosung aus der Familie genommen. "Die schwangere Jurastudentin, die ihre Karriere vorzieht und das Kind abgeben will, die gibt es so nicht", betonte sie.

Nach gescheiterten Versuchen, ein deutsches Kind zu adoptieren, entschieden sich manche für eine Auslandsadoption, sagte Grüner vom Landesjugendamt. Aber auch das sei nicht einfach. "Wir schicken keine Sammelpost an alle Staaten der Welt. Die Paare müssen sich für ein Land entscheiden." Besonders beliebt seien in Baden-Württemberg Adoptivkinder aus Russland, Bulgarien, Thailand und Taiwan, KInder, die dort nicht vermittelbar seien. Die Prüfung finde im jeweiligen Land statt. "Wir kriegen zunehmend Kinder mit Handicaps, mal leichtere, mal schwerere Behinderungen." Daher sei eine genaue Aufklärung der Paare nötig.

Die Erwartungshaltung einiger Interessenten sei bedenklich, sagte Grüner. "Manche kommen mit einem regelrechten Konsumentenverhalten, Motto: ,Ich zahl' gutes Geld, jetzt will ich auch ein gutes Kind'." Keppler sagte, meistens sei ein unerfüllter Kinderwunsch Anlass für die Adoption, mit Ende 30, nachdem Behandlungen erfolglos geblieben seien. "Das ist ein sehr sensibles Thema für die Eltern."

Babys nur selten vermittelt

Rückgang Auf ein zur Adoption infrage kommendes Kind kommen im Schnitt 14 mögliche Adoptiveltern. 2013 wurden im Südwesten 576 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren adoptiert, 300 Mädchen und 276 Jungen. Das sind laut Statistischem Landesamt 20 Adoptionen mehr als im Vorjahr, aber 539 weniger als 1990. Von den adoptierten Kindern waren 43 Prozent zwischen drei und zwölf. Knapp ein Drittel war jünger als drei. Es sei sehr selten, dass Babys zur Adoption freigegeben werden, heißt es von den Jugendämtern. Zwei Drittel der Adoptierten wurden von Stiefmutter oder Stiefvater adoptiert. Knapp zehn Prozent lebten zuvor im Heim. lsw

SWP

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