Der CDU-Slogan im Bundestagswahlkampf 1957 lautete „Keine Experimente“. Bundeskanzler Konrad Adenauer wollte die Wähler damit für ein Weiter-so gewinnen. Das Ergebnis war ein nie wieder erreichter Erfolg der Union bei einer Bundestagswahl.

„Keine Experimente“ könnte 2021 auch der Wahlslogan der Südwest-Grünen lauten. Der 71-jährige Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit dem Image des Landesvaters soll der Ökopartei erneut zum Wahlsieg verhelfen.

Kretschmann hat die Grünen zum Erfolg geführt

2011 sind die Grünen an der da noch stärkeren CDU vorbei erstmals in die Staatskanzlei eingezogen, 2016 dann auch stärkste Partei geworden. Wenn sie diesen Erfolg wiederholen, können sich die Grünen als neue Baden-Württemberg-Partei etablieren und der CDU auf Dauer den Rang ablaufen. Es wäre zugleich die Krönung von Kretschmanns einmaliger Karriere, an deren Ende ein Rekord stehen könnte: eine 15-jährige Amtszeit. Das wäre ein Jahr mehr als Erwin Teufel an der Spitze des Landes stand, der letzte anerkannte Landesvater der alten Baden-Württemberg-Partei CDU.

Landesvater und Politik-Erklärer

Kretschmann und seine Partei haben sich für das Naheliegende entschieden. Nur der populäre Oberschwabe garantiert den Grünen auch in schlechteren Zeiten Zustimmungswerte weit über ihre Kernklientel hinaus. Seine Stärke ist das Präsidiale. Er kann Politik und ihre oft mühsamen Prozesse erklären und, sich mal polternd, mal humorvoll, mal philosophierend, von tagesaktuellen Aufgeregtheiten absetzen. Das ist sein Erfolgsrezept. Es spricht viel dafür, dass es auch weiter wirkt.

Ob er sich und seiner Partei mit der Entscheidung auch mittelfristig einen Gefallen getan hat, muss sich indes weisen. Angesichts des bundesweiten Grünen-Hochs hätte dies ein guter Zeitpunkt für eine geordnete Stabübergabe sein können. Selbst wenn die CDU dann Neuwahlen gefordert hätte, hätte die Ökopartei bei der derzeitigen Fixierung der politischen Debatte aufs Klima auch mit einer neuen Spitze gute Chancen, die Christdemokraten auf Distanz zu halten. Dieses Zeitfenster kann sich schnell wieder schließen.

Das Regieren wird für Kretschmann ungemütlicher

Für Kretschmann selbst wird das Regieren jetzt aus drei Gründen ungemütlicher. Erstens dringt CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann auf rasche Entscheidungen bei strittigen Themen. Damit bringt sie Kretschmann, der zuletzt nicht nur in eigener Sache zögerlich wirkte, unter Zugzwang. Zweitens wird die eigene Basis ungeduldiger, sie will mehr grüne Akzente sehen, was mehr Stress mit der CDU bedeutet. Drittens dürfte der Wahlkampf 2021 unter schwierigeren ökonomischen Rahmenbedingungen stattfinden. Das kann der wirtschaftsnahen CDU Auftrieb geben. Es spricht aus grüner Sicht aber auch für Kretschmann: In der Krise setzen die Wähler gerne auf Bewährtes.

Sein größtes Problem ist ein ganz anderes: Am Ende könnten die Grünen 2021 wieder stärkste Partei werden, aber ohne Partner dastehen, weil CDU, SPD und FDP lieber miteinander regieren als die undankbare Juniorrolle in einer Regierung Kretschmann III  zu übernehmen.

Das könnte Dich auch interessieren:

Landkreis Ludwigsburg