Lehrermangel Landtag streitet über die Schuldfrage

Fehlen die Lehrer, dann bleibt das Klassenzimmer leer: Der Unterrichtsausfall in Baden-Württemberg ist auf Rekordniveau.
Fehlen die Lehrer, dann bleibt das Klassenzimmer leer: Der Unterrichtsausfall in Baden-Württemberg ist auf Rekordniveau. © Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
Stuttgart / Von Axel Habermehl 11.10.2018
Weil viel Unterricht ausfällt, verklagen Eltern das Land. Die Politik ist einmütig verärgert über das Problem.

„Ach, wie ärgerlich, dass wir da jetzt nicht mehr zuhören können“, sagt die ältere Dame im Landtag zu ihrer Begleiterin. „Das hätte mich von allen Themen heute am meisten interessiert.“ Die beiden gehören zu einer Besuchergruppe, deren Besuchszeit vorbei ist. Die Plätze auf der Zuschauertribüne des Stuttgarter Parlaments sind begehrt, weshalb Saaldiener streng über den Durchlauf wachen.

Die aktuelle Debatte, die die beiden Damen gestern Vormittag verpassen, behandelt kein neues Thema, aber eines, das seit Monaten im doppelten Wortsinn große Betroffenheit auslöst: „Unterrichtsausfall auf Rekordniveau – Eltern an Gymnasien verklagen Kultusministerium“, hat die SPD-Fraktion ihre parlamentarische Initiative genannt.

Es geht also um Lehrermangel und dessen Folgen, besonders die vielen Schulstunden, die ausfallen, oder jedenfalls nicht vom vorgesehenen pädagogischen Fachpersonal gehalten werden. Das spüren Schüler, Eltern, Großeltern – es sind nicht gerade wenige Bürger, bei denen der Lehrermangel irgendwie ankommt.

Am Gymnasium fällt am meisten Unterricht aus

750 Lehrerstellen, so die offizielle Zahl von Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU), konnte die Verwaltung landesweit zu Beginn des Schuljahrs nicht besetzen. Besonders groß ist die Not an Grundschulen, hier blieben 370 Posten leer, an Realschulen waren es 170. Gleichzeitig gibt es zu viele Gymnasiallehrer: 1800 von ihnen, so Eisenmann zum Schuljahresbeginn, blieben vorerst wohl ohne Stelle.

Umso bemerkenswerter, dass gerade an Gymnasien der meiste Unterricht ausfällt. Eine Erhebung Eisenmanns an allen rund 4500 Schulen im Juni ergab, dass dort 12,7 Prozent der Stunden nicht wie geplant stattfanden, also vertreten wurden oder ganz ausfielen. Dahinter folgten die Gemeinschaftsschulen mit 12,4 Prozent. Die Grundschule kam auf „nur“ 7,3 Prozent. Im Schnitt aller Schularten waren es landesweit etwa 10 Prozent.

Stuttgarter Eltern, organisiert in der „Arbeitsgemeinschaft der Elternvertretungen an Gymnasien“ (Arge), erhoben eigene Zahlen: Die lagen höher. 13,5 Prozent nicht regulär gehaltenen Unterricht stellten sie fest – und ebenfalls eine deutlich höhere Quote an manchen Gymnasien. Dann zündete die Arge die nächste Eskalationsstufe. Eltern wollen gegen das Land vor Gericht ziehen. Man wolle „erzwingen, was eigentlich selbstverständlich ist“, ließ sich ein wütender Sprecher der Arge zitieren.

Auch im Landtag gibt man sich empört. Da man sich bei der Problembeschreibung einigermaßen einig ist, ergeht man sich in gegenseitigen Vorwürfen zur Schuldfrage: „Sie haben sehenden Auges trotz steigender Schülerzahlen, trotz voller Kassen Lehrerstellen abgebaut. Sie haben Unterrichtsausfall beschlossen. Sie sind die Regierung der Lehrerstellenstreichung“, wirft der SPD-Abgeordnete Stefan Fulst-Blei der grün-schwarzen Regierung vor.

Land reagiert mit Notmaßnahmen

Sandra Boser (Grüne) und Karl-Wilhelm Röhm (CDU) gehen in die Gegenoffensive. Die SPD habe, als sie noch bis 2016 die Kultusminister stellte, ihren Teil beigetragen. Auf Basis sich später als falsch herausstellender Prognosen habe man Lehrerstellen abgebaut. „Alle hatten die gleichen Zahlen, haben sich auf diese Zahlen verlassen, und aufgrund dieser Zahlen des Statistischen Landesamts haben wir heute die Lehrerversorgung, die wir haben“, sagt Boser. Röhm sekundiert, die SPD habe seinerzeit sogar die Zahl der Lehramts-Studienplätze gesenkt. Auch die AfD gibt der SPD einen mit: „Mit Ihnen, der SPD, ist die damalige grün-rote Landesregierung für diese Misere ursächlich verantwortlich“, sagt Rainer Balzer. Timm Kern (FDP) stellt fest: „Die verheerenden sieben Jahre der von Grün geführten Bildungspolitik in diesem Land haben uns in diese Situation gebracht.“

Klar ist, dass der aktuelle Mangel auch aus einer Lehrer-Pensionierungswelle und der Verlängerung eines Lehramtsstudiums resultiert. Doch wie nun schnell abhelfen? Kultus-Staatssekretär Schebesta führt aus, wie kompliziert die Ursachen des Gymnasien-Unterrichtsausfall sei. Es sei die am besten ausgestattete Schulart, die Probleme lägen tiefer, weshalb man nun den Ausfall engmaschiger erfasse, um dann gegenzuwirken. Dazu reagiere man mit Notmaßnahmen, setze etwa Pensionäre länger ein und „Ein-Fach-Lehrkräfte“. Doch richtig kurzfristig greift wenig. Der Lehrermangel wird so schnell nicht zu lösen sein.

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750

Lehrerstellen waren zu Beginn des aktuellen Schuljahres landesweit nicht besetzt. Vergangenes Jahr waren es zum entsprechenden Zeitpunkt 635 Posten gewesen.

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