Der „Struktur- und Funktionsplan für die Sportmedizin im Lande Baden-Württemberg“ wurde erstmals 1973 beschlossen. Als Aufgabe definierte er nicht nur Gesundheitschecks für Athleten, sondern auch Fragen der Leistungsverbesserung. Im Nachhinein lässt das aufhorchen, denn als Urheber wird der verstorbene Freiburger Universitäts-Arzt Joseph Keul vermutet. Eine Studie aus dem Frühjahr 2017 wirft Keul vor, einer der „am meisten dopingbelasteten Sportmediziner in Westdeutschland “ und „zentraler Garant“ der diesbezüglichen Doppelmoral gewesen zu sein. Sein Konzept etablierte Freiburg als führende Untersuchungs- und Forschungsstelle im Südwesten. Verstand er unter Leistungsverbesserung wirklich nur verändertes Training, wie der alte Text suggeriert?

Als das Land den Plan 1996 erstmals fortschrieb, stand der Freiburger Dopingskandal des Jahres 2007 noch aus. Die damalige Kultus- und Sportministerin Annette Schavan (CDU) sah Aktualisierungsbedarf bei medizinischen, organisatorischen und finanziellen Fragen, thematisierte illegale Mittel zur Leistungssteigerung aber noch nicht.

Drei Kernaufgaben

Das tut nun ihre Nachfolgerin Susanne Eisenmann (CDU) federführend im Entwurf für eine zweite Fortschreibung: Die Vorlage soll Grundlage eines „umfassenden Gesundheitsmanagements für Nachwuchsleistungssportler“ werden, aber auch in die Ausbildung von Trainings- und Lehrkräften hineinwirken. Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) hatte die Pläne schon 2014 angekündigt.

Als eine von drei Kernaufgaben definiert das Konzept, „die Einnahme von Dopingsubstanzen sowie die Anwendung von Dopingmethoden zu verhindern“. Die anderen beiden Schwerpunkte widmen sich ebenfalls dem Kampf gegen Gesundheitsrisiken, von überzogenen Belastungen bis zu gestörtem Essverhalten oder Medikamentenmissbrauch. Zuständig sind die vier sportmedizinischen Ambulanzen der Universitätsklinika Freiburg, Heidelberg, Tübingen und Ulm. Die Entscheidung, ob ihre Ärztinnen und Ärzte Wettkampfbetreuung leisten, sollen die Hochschulen und Klinika selbst treffen; Gleiches gilt für die Nähe der Zusammenarbeit mit Sportverbänden.

Generell sieht der Plan eine computergestützte Plattform mit Datenbank vor, die es Untersuchungsstellen, Sportlern und Trainern ermöglicht, den Gesundheitszustand von Athleten systematisch zu evaluieren. Sie soll zusammen mit dem Landessportverband (LSV) Baden-Württemberg entwickelt werden, unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Vorschriften und ärztliche Schweigepflicht. Außerhalb der Ambulanzen ist ein weiteres Dokumentationssystem geplant, das die Betreuung in Training und Wettkampf verbessert. Es soll aber auch die Transparenz innerhalb der medizinischen Teams erhöhen.

Schließlich wird eine unabhängige Expertengruppe eingerichtet, um Forschungsprojekte zu begutachten. „Dabei soll einem Missbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse zu Dopingzwecken vorgebeugt werden.“ Baden-Württembergs Hochschulmedizinstandorten wurde bereits 2008 ein Anti-Doping-Konzept übersandt, das zur Grundlage der Arbeitsverhältnisse an Universitätsklinika gemacht werden sollte. Analog dazu möchte die Landesregierung nun Standards bei der Ernährungsberatung und Aufklärung gegen Doping setzen. Die vier Untersuchungsstellen sollen zusammen mit den Ministerien und dem LSV regelmäßige Fort- und Weiterbildungen zur Dopingprävention organisieren.

Die vom Deutschen Olympischen Sportbund definierten Kriterien zur jährlichen Hauptuntersuchung von Athleten werden außerdem weiterentwickelt, mit besonderem Fokus auf der Prävention von Gesundheitsschäden. Dabei sind auch neue Grundsätze für die Dopingvorbeugung geplant. „Die Erstellung des neuen Leitlinienpapiers soll zwei Jahre nach Verabschiedung des neuen Struktur- und Funktionsplanes abgeschlossen sein“, heißt es in der Vorlage. Für viele der anderen Maßnahmen gilt diese Frist ebenfalls. Finanziert werden sie aus den Leistungssportfördermitteln des Landes.

Unrühmliche Vergangenheit


Mit der Aufklärung der Doping-Vergangenheit der Uni Freiburg hat sich eine „Evaluierungskommission lange beschäftigt. Das Gremium, 2007 eingesetzt, hatte sich 2016 aus Protest gegen angebliche Einschränkungen ihrer Arbeit aufgelöst. Freiburg galt als Zentrum des Dopings in  Deutschland.

Trotzdem hat die Uni die Gutachten der Ex-Mitglieder auf ihrer Homepage veröffentlicht. Sie sieht die Aufarbeitung damit als beendet an, liegt aber noch im Streit mit Gutachter Andeas Singler wegen Urheberrechten. dpa