Ein großer Raum im dritten Obergeschoss. Matratzen sind in der Mitte des Raumes auf dem Boden platziert. Daneben spenden Teelichter warmes Licht. Auf den Matratzen liegen einander fremde Menschen, die sich noch nie im Leben gesehen haben. Sie haben die Arme umeinander gelegt und kuscheln und das bis zu vier Stunden lang.
 
So ähnlich etwa läuft ein Kuschelabend im Tübinger Sudhaus ab. Obwohl sich die meisten der Leute hier kennen und teilweise schon jahrelang mit dabei sind.
 
Am Anfang eines jeden Kuschelabends gibt es immer eine Vorstellungsphase. Jeder lernt den anderen nur mit Vornamen kennen. Beruf, sozialer Status oder andere persönliche Daten sind unbekannt. Nach der Vorstellungsrunde folgt die „Vorkuschelphase“. So nennt Kuscheltrainerin Hildegunde Schaub die Aufwärmphase, die dazu dient, Hemmnisse bei den Teilnehmern abzubauen. Zur Vorkuschelphase gehören Tanz, „Begegnungsübungen“ oder auch mal eine Körperreise zur Entspannung.
 
Doch nur wer selber mit kuschelt, darf auch an einem „echten“ Kuschelabend teilnehmen. Für die Südwest Presse wurden einzelne Szenen für Fotos nachgestellt.
 
Silke, Marion, Matthias, Reinhard, Christoph, Thomas und Margarete sind teil Pseudonyme, teils die echten Namen der befragten Teilnehmer. Nicht jeder möchte erkannt werden. Manche haben Angst vor dem Gerede der Nachbarn und Kollegen, vor irritierten Blicken.
 
Christoph zum Beispiel erzählt nur vereinzelten Menschen in seiner Umgebung davon. „Die wissen halt nicht, was das ist“, sagt er. Silke möchte nicht aufs Foto. Sie will nicht erkannt werden. „Ich will kein Gerede unter den Nachbarn“, sagt sie. Matthias ist das egal. Er geht recht offensiv mit dem Thema Kuschelabend um. „Ich gehe damit nicht hausieren“, sagt er, „aber wenn mich Freunde fragen, wo warst du Freitagabend, sage ich, dass ich mich mit der Kuschelgruppe getroffen habe.“
 
„Ich war damals Single.“ Christoph spricht von seiner ersten Begegnung mit der Kuschelgruppe. Er zögert leicht: „Ich habe im Südwestrundfunk davon gehört und gemerkt, dass ich mir so was wünsche,“ beendet er den Satz. Leicht ist es sicher nicht, so offen über seine Bedürfnisse zu sprechen. Christoph hat sich erst Jahre später nach dem Bericht im Radio getraut, die innere Hürde zu überwinden und einen Kuschelabend zu besuchen. Er ist dabei geblieben. Wie Christoph sind auch alle anderen zur Kuschelgruppe gekommen. Alle waren Singles und es fehlte die körperliche Nähe.
Als er zwischendurch eine Beziehung hatte, ist Christoph dem Kuschelabend fern geblieben. „Das hätte ich nicht gewollt, auch andersherum nicht“, sagt er. Andere Teilnehmer sehen das ähnlich. „Als ich in einer Beziehung war, habe ich das auch nicht gebraucht“, sagt Christoph.
 
Reinhard und Margarete bilden hier die Ausnahme. Sie sind das einzige Paar, das heute zusammen auf den Kuschelabend gekommen ist. Die beiden haben sich vor vier Jahren auf einem der Abende kennengelernt. Seitdem sind sie zusammen und besuchen zu zweit die Gruppe. Margarete setzt sich zum Interview neben mich aufs Sofa. Sie wirkt entspannt und zufrieden. „Heute am 19. April vor vier Jahren haben wir uns hier kennengelernt“, erzählt Margarete. Reinhard und Margarete kuscheln nie miteinander, wenn sie den Kuschelabend besuchen.
 
„Paare, die zusammen kommen, möchten meist Erfahrungen mit anderen Kuschelteilnehmern machen“, erklärt Hildegunde Schaub. Auf die provokative Frage, ob der Abend nicht ein wenig an einen Abend im Swingerclub erinnern würde, nur ohne Sex, reagiert Schaub gelassen. „Nein das ist was ganz anderes“, sagt sie und grenzt dabei ab: „Zu Intimitäten kommt es hier nicht.“
 
Kuschelenergie, Absichtslosigkeit, Bewusstsein, sich angenommen fühlen. Das sind Worte, die Schaub häufig verwendet, wenn sie über ihre Kuschelgruppe spricht.

Die Idee dafür hatte sie 2007 und veranstaltete daraufhin ihre erste Kuschelgruppe im Tübinger Sudhaus. Dann hörte sie von einer Freundin, dass diese Bewegung schon existiert und es in Berlin sogar eine Ausbildung dafür gibt. Schaub war dann eine der ersten, die sich in Berlin zur Kuscheltrainerin ausbilden ließ.
 
Davor arbeitete die Kuscheltrainerin an einer Tübinger Klinik als Ergotherapeutin. „Ich bin ein körperbezogener Mensch“, sagt sie, wenn sie über die Gründe gefragt wird, die sie dazu bewogen haben, Kuscheltrainerin zu werden.
„Es ist neurophysiologisch belegt, dass bei Berührungen Kräfte mobilisiert werden“, erläutert Schaub. Der Körper schüttet bei Berührungen Glückshormone aus. Der Herzschlag wird verlangsamt, das Immunsystem gestärkt. Sogar Schmerzen können gelindert werden. Wenn man den Faden weiterspinnt, könnte man annehmen, dass die Krankenkassen Kuschelabende finanzieren würden. „Wir haben tatsächlich schon Teilnehmer gehabt, die von ihrem Psychotherapeuten zur Kuschelgruppe geschickt wurden“, erzählt Schaub. Die Kosten dafür übernehmen die Kassen jedoch nicht. 20 Euro kostet ein Abend. „Energieausgleich“ nennt sich das im Kuscheljargon.
 
Thomas sitzt in einem gemütlichen, weiten Baumwollpullover und einer grauen Jogginghose auf dem Sofa. Die Schuhe hat er gegen Wollsocken getauscht. Er ist extra aus Braunschweig angereist und besucht Kuschelgruppen in ganz Deutschland. Wie alle anderen war auch er Single, als er von der Kuschelgruppe erfuhr. „Ich habe kein Problem, mit Frauen zu kuscheln. Bei Männern ist das ein bisschen schwierig“, gibt er zu. „Ich würde von mir aus nicht auf die Idee kommen, zu einem Mann zu gehen und mit ihm zu kuscheln.“ Frauen untereinander wären da unkomplizierter, meint Thomas.
 
Kann es auf so einem Abend nicht auch leicht zu Konflikten kommen? Zum Beispiel, wenn einer mehr will, als der andere? Nein, es wäre noch nie zu einer Eskalation gekommen, sagt Schaub. „Männer machen vielleicht aus lauter Unsicherheit ganz viel“, sagt Schaub. „Das ist dann manchmal zu viel.“ Dann würde sie auch mal hingehen, eingreifen und den Mann darauf hinweisen.
 
„Wenn ich eine Berührung nicht mag, drehe ich mich erstmal weg“, erzählt Thomas. „Wenn das nicht reicht, verschiebe ich die Hand entweder oder schiebe sie ganz weg.“ „Grenzen mitzuteilen ist das A und O des Kuschelabends“, lässt Christoph verlauten. „Die sind ja auch individuell verschieden.“
 
Und wenn einer einfach nur passiv da liegt und sich kuscheln lässt, gibt es dann nicht mal Unmut unter den anderen Teilnehmern? „Der liegt dann halt vielleicht eine Weile alleine da“, sagt Schaub. Manch einer ist auch zufrieden, wenn er nicht so viel gekuschelt wird. „Geben gibt mir mehr als nehmen“, erklärt etwa Reinhard, der Partner von Margarete.
 
Das Gros der Leute, die die Kuschelgruppe in Tübingen besuchen ist 40 Jahre und aufwärts. „Unsere jüngste Teilnehmerin war 20 und die älteste 70“, sagt Schaub. Wenn sich die Tübinger Kuschelgruppe trifft, dann dauert eine Kuschelsession schon mal vier Stunden. „Die meisten können nicht genug bekommen“, lacht Schaub. „Da muss ich dann auch mal mit einem Eimer kalten Wasser drohen.“
 
„An so einem Abend wird viel gelacht“, erzählt Schaub. Doch würde es auch, wenn auch selten, passieren, dass ein Teilnehmer in Tränen ausbricht. „Bei den Berührungen kann auch Schmerz hochkommen“, erklärt die Kuscheltrainerin. Da würde dem Teilnehmer dann bewusst werden, dass er, manchmal ein Leben lang, solche Berührungen vermisst hat.
 
Wer einmal einen Kuschelabend in Tübingen besuchen möchte, bekommt hier weitere Informationen.