Lehrer klagen über zunehmende Probleme mit Eltern. Einerseits schieben einige immer mehr Erziehungsaufgaben an die Schule ab. Auf der anderen Seite buchen besonders Besorgte schon Nachhilfestunden, wenn sie fürchten, dass es ihre Erstklässler mal nicht aufs Gymnasium schaffen könnte. Kultusministerin Eisenmann (CDU) sieht Klärungsbedarf.

„Schulen sind nicht der Reparaturbetrieb für verkorkste Erziehung zuhause.“ Kennen Sie dieses Zitat?

Susanne Eisenmann: Nein, aber das ist ein Satz, den ich so ähnlich auch benutze, allerdings in einer deutlich weniger scharfen Form.

Er stammt von Günther Oettinger.

Der Satz trifft die Sache durchaus auf den Punkt, wobei das natürlich nicht für alle Eltern gilt, das muss man immer sagen.

Könnten Sie das ausführen?

Wir haben sehr engagierte Eltern, die sich einbringen, die ganz aktiv zum Schulleben beitragen. Aber manche Eltern ziehen sich da auch sauber raus. Wir haben eine wachsende Zahl von Eltern, die sich von ihrem Erziehungsauftrag und vom gemeinsamen Wirken mit Lehrern verabschiedet haben. Laut einer aktuellen Umfrage bezeichnen 32 Prozent der Grundschullehrer Eltern als ihr größtes Problem.

Was heißt das für Sie?

Wir müssen uns mit der Frage befassen, ob Schule nicht längst zum Reparaturbetrieb der Gesellschaft geworden ist. Dafür gibt es Anhaltspunkte. Ich werde beispielsweise oft mit Wünschen konfrontiert, Themen in die Schule zu nehmen, die eigentlich ins Elternhaus gehören.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie den Schwimmunterricht. Es ist entscheidend, dass Kinder schwimmen können. Das ist eine Frage des Überlebens. Deshalb haben wir Schwimmunterricht. Da geht es aber darum, etwas zu üben, was Kinder schon gelernt haben sollten. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, dass ihr Kind schwimmen lernt. Oder nehmen Sie das Verkehrs-Sicherheitstraining, …

… bei dem Polizisten mit Grundschülern das Verhalten im Straßenverkehr üben.

Genau, und dieses Üben ist total wichtig. Aber viele Eltern wollen, dass Kinder da überhaupt erstmal Rad fahren lernen. Die sehen es als Aufgabe der Schule, ihrem Kind Radfahren beizubringen.

Sie offenbar nicht?

Nein, und dazu bekenne ich mich auch. Genauso wie dazu, dass ich es ablehne, ein Fach wie „Glück“ einzuführen oder „Lebenswelt“, was manche Schüler fordern. Sie schlagen vor, an weiterführenden Schulen Fragen zu behandeln wie: Wie schließe ich einen Miet- oder Kaufvertrag ab? Wie mache ich eine Steuererklärung? Wie finde ich die richtige Versicherung?

Das sind doch wichtige Fragen.

Ja, natürlich, aber das überfordert Schule irgendwann! Es ist Aufgabe des Elternhauses, junge Menschen in solchen Dingen zu begleiten. Das kann nicht Teil des Stundenplans sein. Aber der Wunsch taucht immer wieder auf, also müssen wir das diskutieren. Wir als Ministerium starten deshalb das Veranstaltungsformat „Elternabend“, um mit Eltern ins Gespräch zu kommen.

Viele Eltern haben auch Gesprächsbedarf: etwa über Lehrermangel und ausfallende Schulstunden.

Es geht mir nicht darum, Verantwortung abzuschieben. Bei der Unterrichtsversorgung sind wir landesweit nicht optimal aufgestellt. Die Aufgabe, das zu verbessern, liegt beim Land. Es geht mir nicht darum, Eltern Aufgaben zu übertragen, die bei uns liegen. Sondern es geht darum, mit Eltern – ganz ohne Schuldzuweisung – darüber zu reden, was gut und was vielleicht nicht so gut läuft in der Schule.

Aber viele Eltern buchen teure Nachhilfe, um Versäumnisse des Staates auszugleichen.

Ich will das nicht pauschalisieren, aber wenn manche Eltern schon in Klasse 1 Sorge haben, dass ihr Kind am Ende von Klasse 4 keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt, sehe ich eine gewisse Aufgeregtheit, mit der ich mich schwertue. Deshalb muss man schon fragen, ob Nachhilfe in jedem Fall überhaupt notwendig ist. Alle Eltern wollen das Beste für ihr Kind, davor habe ich großen Respekt. Aber nicht für jedes Kind ist die Laufbahn Gymnasium, Abitur, Hochschulstudium die beste Wahl.

Der Unterrichtsausfall ärgert manche Eltern so, dass sie erwägen, das Land zu verklagen. Wie wollen Sie das Verhältnis befrieden?

Eltern erwarten zu Recht, dass Unterricht stattfindet und wir bemühen uns, diesem Anspruch sobald wie möglich wieder gerecht zu werden. Aber wir haben nun einmal aufgrund klarer Fehler in der Vergangenheit zu wenige Lehrer. Diese Fehler haben wir nun rückgängig gemacht und beispielsweise die Studienplätze fürs Grundschullehramt wieder erhöht. Doch der Mangel wird sicher noch nächstes Schuljahr anhalten. Was die angedrohte Klage angeht: Wir leben in einem Rechtsstaat, da ist es das gute Recht jedes Bürgers, Gerichte anzurufen. Ich habe demnächst nochmal ein Gespräch mit den genannten Stuttgarter Elternvertretern, die Sorgen der Eltern nehme ich sehr ernst.

Zur Person


Susanne Eisenmann ist seit 2016 Baden-Württembergs Ministerin für Kultus, Jugend und Sport. Vorher hatte die CDU-Politikerin das Amt der Schulbürgermeisterin in Stuttgart inne. Eisenmann ist in der Landeshauptstadt geboren und aufgewachsen, sie hat an der dortigen Universität Germanistik, Linguistik und Politikwissenschaft studiert und promoviert. Die 54-Jährige ist verheiratet.