Langenenslingen Kultstätte der Kelten?

Langenenslingen / RUDI SCHÖNFELD 06.05.2015
Kein schwäbisches Stonehenge, aber immerhin ein einzigartiges Baudenkmal für ganz Süddeutschland: Bei Langenenslingen ist eine monumentale keltische Befestigungsmauer freigelegt worden.

Die Archäologen beim Landesdenkmalamt Baden-Württemberg haben in der Nähe der frühkeltischen Fürstensiedlung Heuneburg bei Hundersingen (Kreis Sigmaringen) einen spektakulären Erfolg zu vermelden: Auf einem gut zwei Hektar großen Bergsporn bei Langenenslingen im Kreis Biberach, am Südabfall der Schwäbischen Alb zur Donau hin, sind sie im Oktober 2014 auf eine Steinmauer gestoßen, die zusammen mit der Entdeckung eines Opferschachts mit menschlichen Skelettresten Hoffnung aufkeimen lässt, dass man eventuell die Kultstätte der Kelten - das Heiligtum der Heuneburg - gefunden hat.

Der Chef der Heuneburg-Grabungen, Professor Dirk Krausse, versuchte beim Vorstellen der Befestigungsanlage darzustellen, wie die frühkeltische Siedlung am Albrand ausgesehen haben könnte: Im Zentrum residierten die Fürsten auf der Heuneburg. In den Donauniederungen waren die Fürstengräber und die ihrer Angehörigen angesiedelt - 2010 war in einer aufwendigen Aktion eine komplette Grabkammer samt Inhalt mit einem Gewicht von 80 Tonnen aus den Donauauen geborgen worden. Und dazwischen war, aus weißem Kalkstein gefügt, das terrassenartig befestigte Plateau weithin zu sehen. Das inzwischen dicht bewaldete Gebiet lässt sich mit modernen Erkundungsmethoden ziemlich genau eingrenzen.

Dass auf dem Bergsporn "Alten Burg" interessante Funde erwartet werden konnten, hatte bereits 1894 ein Bericht des Sigmaringer Archivdirektors Karl Theodor Ziegler nahegelegt. Der Hobbyarchäologe berichtete von einem Schachtgrab mit sechs menschlichen Skeletten, das er auf dem Plateau gefunden haben wollte.

Aktuelle Grabungen bestätigten die alten Schilderungen weitgehend, berichtete Professor Krausse. Und nicht nur dies: Man habe in etwa viereinhalb Meter Tiefe 50 Fragmente von Menschenknochen und außerdem altarartig angeordnete Keramik- und Bronzestücke ausgegraben, die auf das vierte und dritte Jahrhundert vor Christus deuteten. Ein Röntgenbild des Plateaus legte nach Krausses Angaben zunächst den Schluss nahe, dass auf der Hochebene Gebäude gestanden haben mussten.

Doch die mutmaßlichen Grundrisse entpuppten sich als die nun in der Sicherung befindliche Steinmauer, deren Länge sich gegenwärtig noch nicht einmal erahnen lässt, die in der Höhe aber alles bisher im süddeutschen Raum Überlieferte aus der Keltenzeit in den Schatten stellt: 4,20 Meter sind von den Ausgräbern bisher freigelegt. Krausse geht davon aus, dass das Bauwerk mindestens zwischen sechs und sieben, möglicherweise sogar acht Meter hoch ist und sich in einem hervorragenden Zustand befindet.

Die keltischen Baumeister der Heuneburg, die sich, wie Krausse launig bemerkte, sich "für etwas Besseres" hielten, hatten ihren Fürstensitz weitgehend mit Lehmziegeln errichtet, ein System, das sie möglicherweise von den Phöniziern abgeschaut hatten. Dementsprechend war auch die aus Kalkstein aufgebaute Mauer nach mediterranem Muster angefertigt - nämlich als Trockenmauer. Dass sie 2500 Jahre beinahe ohne Schaden überstanden hat, das, meinen die Archäologen, sei die eigentliche Sensation. Tierknochen aus dem Mauerbereich sprechen für eine Errichtung des Bauwerks im 7. bis 5. Jahrhundert vor Christus.

Der Sensationsfund nährt beim Landesdenkmalamt die Hoffnung, dass die Keltenforschung weitergehen kann. Zumindest sponserte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) das Langfristprojekt bisher mit 1,1 Millionen Euro für drei Jahre. Krausse hofft, dass sich die Förderung auf zwölf Jahre ausdehnen lässt und die DFG weitere Mittel bis im Bereich um fünf Millionen Euro locker macht.

Der Stuttgarter Regierungspräsident Johannes Schmalzl, Dienstherr der Denkmalschützer, sieht die Millionen gut aufgehoben, zumal seine Archäologen nicht oft Gelegenheit haben, an Langzeitprojekten zu forschen. Meist würden sie nur noch zu Rettungsgrabungen gerufen. Der in Langenenslingen gezeigte Fund aus der Ur- und Frühgeschichte mache ihn stolz auf seine Leute, sagte Schmalzl.

Altes Gemäuer

Fürstensitz Der Fürstensitz Heuneburg gilt als älteste Stadt diesseit der Alpen. Bestattungshügel, Außensiedlungen und Fundstücke zeugen von einer keltischen Hochkultur auf der Bergkrone des letzten Ausläufers der Alb bei Herbertingen-Hundersingen im Kreis Sigmaringen. Erforscht ist bisher rund ein Sechstel der Fläche.

Lage Die Keltenburg lag strategisch günstig. Am Rande des steil abfallenden Ufers zur Donau konnten Feinde früh erspäht werden. Nach heutigen Befunden galt der Fürstensitz mit 5000 bis 10.000 Bewohnern für die damaligen Kelten als Nabel der Welt. Das 5. Jahrhundert vor Christus markierte das Ende der Herrschaft: Ein Feuer zerstörte die Heuneburg.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel