heim|herz Künstler: „Heimat ist die stärkste Droge der Welt“

Offenburg / Pia Reiser 09.06.2018

Entspannt empfängt Stefan Strumbel in seinem Studio in Offenburg in einem dunklen, fast schwarz angestrichenen Wohnhaus. Der Künstler hat keine klassische Ausbildung an einer Akademie, er kam über Graffiti zur Kunst. Berühmt wurde er mit traditionellen Schwarzwald-Motiven wie Kuckucksuhren oder Bollenhutmädchen, die er krachend bunt verfremdete. Sein Ziel: Menschen wachrütteln, zum Nachdenken über Heimat animieren. Karl Lagerfeld kaufte eine Uhr von ihm, auch für die Baden-Württemberg-Kampagne „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ gestaltete er eine. Ein Interview über Heimat und Kunst.

Herr Strumbel, Sie beschäftigen sich seit Jahren in Ihrer Kunst mit dem Thema „Heimat“ – früher zum Beispiel mit den berühmten Kuckucksuhren, heute abstrakter. Was fasziniert Sie so an Heimat?

Stefan Strumbel: Ich bin halb Slowene, da habe ich mich schon immer gefragt: Was ist Heimat? Auch in Bezug auf die Region Schwarzwald: Warum wird Heimat immer mit Idylle verbunden? Das hat mich sehr beschäftigt. Zu dieser Zeit ging mit dem Wort Heimat noch keiner hausieren. Da habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, den braun besetzten Begriff in einen Regenbogen zu verwandeln. Durch die Verfremdung und Transformation von Werken, mit denen sich keiner mehr auseinandergesetzt hat, wollte ich wachrütteln. Ich habe aber nie vorgeschrieben, was Heimat ist.

Mit der Überzeichnung der Schwarzwald-Symbolik wollten Sie mit dem traditionellen Heimatbegriff brechen – haben Sie damit erreicht, was Sie wollten?

Ich bin glücklich, dass es darüber dazu gekommen ist, dass Heimat wieder präsent und positiv besetzt war. Allerdings bin ich nicht glücklich darüber, dass sich heute viele Protagonisten nicht überlegen, ob sie den Heimatbegriff nicht zu weit brechen – weil sie keine Inhalte transportieren, sondern nur versuchen, mit ein bisschen Farbe den Schwarzwald zu modernisieren.

Haben Sie Anfeindungen dafür bekommen, dass Sie traditionelle Symbole wie die Kuckucksuhr oder Bollenhutmädchen so überzeichnet haben?

Definitiv. Ich war der Traditionsschänder. Oftmals haben auch die offiziellen Werbepartner der Region das nicht verstanden, jetzt bekomme ich tausend Anfragen. Die Kunst war vor der Politik. Dann aber kamen die hässlichen Ausläufer mit der AfD – und Heimat wurde wieder so ein regional verortetes Thema. Das fand ich einen Schritt zurück. Meine Arbeit hat sich dann formal geändert, ich wollte Heimat nicht mehr verorten. Denn es ist ein individuelles Gefühl, egal wo ich lebe, ob in Afrika oder Amerika.

Wie genau hat sich Ihre Arbeit ­verändert?

Ich musste eine universelle Bildsprache finden, die so stark ist, dass sie weltweit verstanden wird. Der Betrachter sollte keine Idee mehr geliefert bekommen, mit der er sich identifizieren konnte. So bin ich auf die Luftpolsterfolie gekommen. Sie steht als Schutz für alles, was man transportiert. In diesem Fall das Transportieren von Gefühlen, Werten und Inhalten, und das über Generationen hinweg. Was gibst du deinen Kindern mit, welche Werte vermittelst du? Deswegen gieße ich die Sachen zum Beispiel in Bronze, ein Material, das Generationen überlebt. Dann können in 300, 400 Jahren die Leute trotzdem noch dieses Bild, diese Arbeit mit dem füllen, was sie sehen wollen. Sie können ihre eigene Heimat hineininterpretieren.

Wieso finden Sie es wichtig, dass Menschen sich mit Heimat auseinandersetzen?

Weil ich der Meinung bin, dass Heimat die stärkste Droge der Welt ist – und keiner weiß, warum man danach strebt. Jeder steht doch morgens auf und sucht ein Gefühl von Geborgenheit, Liebe, Freude, Glück und Freundschaft. Egal welchen Bildungshintergrund, egal welche Krankheit, egal welche Hautfarbe er hat. Mutterliebe, die erste Liebe, die du nach der Geburt erfährst, das ist ein Gefühl als ob du dir einen Schuss setzt. Wenn man Menschen fragt „Wo ist deine Heimat?“, sagen sie immer: der Ort, an dem ich geboren bin. Das ist die erste Nähe, die du erfährst. Geh mal zu deiner Oma in das Zimmer, in dem du als Kind immer warst. Da merkst du sofort, da ist etwas. Und wir sehnen uns danach.

Sie arbeiten auch mit christlicher Symbolik, haben zum Beispiel eine Kirche gestaltet oder die Madonna verhüllt. Inwieweit ist Religion für Heimat wichtig?

Für mich ist Religion – das, was die katholische Kirche uns vorgibt – total uninteressant. Was mich an der Kirche inspiriert, ist die Kunst, wie die Kirche umgeht mit Symbolik: Man legt zwei Äste übereinander und weiß, was Sache ist, das ist Wahnsinn. Die Aura in einem Kirchenschiff, diese Macht, das hat auch etwas von Heimat. Und Kirche kann für viele Leute ein Ort sein, der Heimat ist.

Heimat ist gerade ein Begriff, den sich viele Parteien zu eigen machen wollen. Was halten Sie davon?

Über die ganze politische Situation und über hässliche Idioten wie die AfD möchte ich gar nicht mehr sprechen. Meine Antwort ist einfach meine Kunst.

Für Sie persönlich: Haben Sie eine Antwort darauf gefunden, was Heimat ist?

Für mich ist es ein Gefühl, ein Gefühl der Liebe, Freude, Glück, Geborgenheit, Freundschaft. Hätte ich eine Rezeptur, würde ich die ganze Welt damit beglücken. Würde ich Heimat in einem Werk darstellen können, wäre es das letzte.

Wieso ist Heimat gerade so
populär?

Heimat ist so omnipräsent wie lange nicht mehr. Die Wurzeln werden wieder gesucht in unserer schnelllebigen Zeit. Deswegen glaube ich auch, dass dies gerade so ein Hype ist – abgesehen von der politischen Situation: Die Menschen haben Sehnsucht nach Beständigkeit, nach einem Ort, an dem nicht die imaginären blauen Daumen hoch gehen, sondern es echte Gespräche gibt, face to face.

Nach all den Jahren: Haben Sie irgendwann einmal genug von Heimat?

Das Wort Heimat an und für sich, wenn ich es lese in einem Kontext mit der AfD, dann habe ich zu viel. In der Politik, in einem braun besetzten Kontext, könnte ich kotzen. Ich könnte kotzen, wenn ich die überkitschten, inhaltslosen Dinge von Werbeheinis sehe, die schlecht umgesetzt oder aus meinen Arbeiten schlecht transformiert worden sind. Aber von dem Gefühl kann ich nie genug bekommen.

Azubi- und Volontärsprojekt

Serie In den kommenden Wochen beschäftigen wir uns in einer Serie mit dem Thema „Heimat“. Die Texte sind im Projekt heim|herz, einem gemeinsamen Projekt aller Auszubildenden, Studenten und Volontären der SÜDWEST PRESSE entstanden. Das Ziel von heim|herz ist es, verschiedene Facetten von Heimat darzustellen. Nicht altmodisch und heimelig, sondern neu und anders. dna

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