Interview Kriminologe: „System hat in Heilbronn nicht versagt“

Jörg Kinzig ist Professor an der Universität Tübingen.
Jörg Kinzig ist Professor an der Universität Tübingen. © Foto: dpa
Tübingen/Heilbronn / Hans Georg Frank 09.08.2018

Die Vorkommnisse in Heilbronn  lassen sich auch in anderen Bundesländern beobachten, sagt der Kriminologe Jörg Kinzig.

Warum lassen sich ausgerechnet die Aufpasser auf kriminelle Geschäfte ein?

Jörg Kinzig: Zuerst einmal: „Aufpasser“ ist kein zeitgemäßes Wort für die anspruchsvolle Tätigkeit der Bediensteten einer Justizvollzugsanstalt. Im Übrigen ist auch diese Berufsgruppe genauso wie alle anderen nicht vor Verfehlungen gefeit. Dazu kommen in diesem Fall eine nicht gerade üppige Bezahlung und der direkte Kontakt zu Strafgefangenen, einer nicht immer einfachen Klientel.

Ist Heilbronn ein Einzelfall?

Derartige Vorkommnisse lassen sich nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in anderen Bundesländern immer mal wieder beobachten. Lediglich die Dimension könnte in Heilbronn eine besondere sein. Aber dafür ist eine Beurteilung noch zu früh. Wichtig ist es, den Bediensteten in Ausbildung und Praxis die erforderliche professionelle Distanz zu den Gefangenen beizubringen. Und darauf zu achten, dass diese eingehalten wird. Dafür, dass ein systemisches Versagen vorliegt, sehe ich derzeit keine Anhaltspunkte.

Ist der Strafvollzug zu einem
rechtsfreien Raum geraten?

Nein, ganz im Gegenteil. Der Strafvollzug ist ein äußerst reglementiertes Gebilde. Freilich muss auch dafür Sorge getragen werden, dass die Regeln umgesetzt und eingehalten werden.

Ist ein Grund im Personalmangel zu sehen?

Da wird man zunächst einmal die Ermittlungen abwarten müssen. Gegen Korruption ganz generell kann schon ein Vier-Augen-Prinzip helfen. Und der Strafvollzug ist personell bestimmt nicht üppig ausgestattet.

Wie lassen sich derartige Straftaten unterbinden?

Ein Geheimrezept dürfte es nicht geben. Helfen kann sicher, was ich bereits angesprochen habe: eine gute Ausbildung, eine professionelle Distanz und selbstverständlich eine adäquate Kontrolle durch die Anstaltsleitung und durch das Justizministerium als Aufsichtsbehörde. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass sich solche Vorfälle nie ganz werden verhindern lassen.

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