Rockerprozess Krieg der Kutten - Rocker beruft sich im Mordprozess auf Notwehr

Großes Sicherheitsaufgebot beim Rockerprozess im Landgericht Ellwangen. Der angeklagte Vize-Präsident der Heidenheimer „Black Jackets“ sitzt im Hintergrund zwischen seinen Anwältinnen.
Großes Sicherheitsaufgebot beim Rockerprozess im Landgericht Ellwangen. Der angeklagte Vize-Präsident der Heidenheimer „Black Jackets“ sitzt im Hintergrund zwischen seinen Anwältinnen. © Foto: dpa
dpa 23.11.2016

Im beschaulichen Ellwangen herrscht Ausnahmezustand: Rund um das Gerichtsgebäude blockieren am Dienstag Mannschaftswagen und Absperrungen den Weg. Es wimmelt von Polizisten und Justizwächtern. Bärtige, kräftige Männer fahren in schweren Autos vor, sie tragen heute keine Kutten, sondern schwarze Leder- und Bomberjacken. Sie müssen Metalldetektoren passieren, sie  ziehen ihre Gürtelschnallen und Schuhe aus, legen Geld, Tabak, Feuerzeuge in Körbe.

Unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt der Prozess um die tödlichen Schüsse von Heidenheim. Durch getrennte Eingänge werden die „Black Jackets“ und die „United Tribuns“ in den Verhandlungssaal geführt. Die Behörden nennen sie rockerähnliche Gruppierungen. Nun sitzen die verfeindeten Gangs nebeneinander. Nur ein schmaler Gang trennt sie. Die Männer würdigen sich keines Blickes. Dann wird der Angeklagte hereingeführt.

Noch vor Sitzungsbeginn hat seine Anwältin einen Befangenheitsantrag gegen die drei Berufsrichter gestellt. Der Vorsitzende Richter lehnt diesen ab, nennt ihn rechtsmissbräuchlich. Es wird mit harten Bandagen gekämpft.

Vieles von dem, was am 7. April vor dem Friseurladen in Heidenheim geschah, bleibt auch am ersten Verhandlungstag in Ellwangen ungewiss. Doch bereits die Gewissheiten lassen einem den Atem stocken: Nach Beleidigungen zwischen den Gangs durchschlägt ein Projektil den Darm des jüngeren Opfers und bleibt im Gesäß stecken. Der 25-jährige „Sergeant at Arms“ der Ulmer „United Tribuns“ sackt zu Boden, aber er überlebt. Die nächsten drei Schüsse treffen seinen 29-jährigen Bruder. Der Vize-Präsident der Ulmer „United Tribuns“ stirbt trotz Not-OP.

Hinter den tödlichen Schüssen stehen verletzte Ehre und der Kampf um Macht auf der Straße. Die „Tribuns“ machen den „Jackets“ laut Staatsanwaltschaft die Vorherrschaft streitig. Im April gründen sie kurz vor den Schüssen ein eigenes Chapter in Heidenheim. Vor dem Friseurladen kommt es zum Showdown.

Der Angeklagte Rüstem Z. flüchtet mit seinen Kumpanen in einem Wagen, er wird aber bald festgenommen. Der 26-Jährige ist gelernter Maurer, aber arbeitslos. Er ist Vize-Präsident der Heidenheimer „Black Jackets“. Er prügelt sich mehrere Monate vor den tödlichen Schüssen mit dem Chef der Ulmer „United Tribuns“ in der Heidenheimer Autoarena – und unterliegt. Das will er laut Staatsanwaltschaft nicht auf sich sitzen lassen. Die Anklage lautet Mord.

In Jeans und Jacke sitzt er nun auf der Anklagebank. Er gesteht die Schüsse vor Gericht, spricht aber von Notwehr. „Ich hatte blanke Angst“, lässt er über seine Verteidigerin mitteilen. „Es tut mir Leid, was geschehen ist. Ich glaube aber, dass man mich umbringen wollte.“ Wieso er wirklich den Abzug drückte, soll nun geklärt werden. 

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