Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) kann die Angst mancher Menschen vor einer angeblichen Islamisierung Deutschlands nicht nachvollziehen. "Wenn man sich die Fakten anschaut, ist diese Angst unbegründet", sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. "Wir haben eine stabile Demokratie und eine freie Gesellschaft", erklärte der 67-Jährige. "Staat und Religion sind getrennt. Wie sollten Muslime, die eine Minderheit darstellen, unsere Gesellschaft islamisieren?", sagte der Politiker. Die Muslime, die in Deutschland sind, seien froh, in einer guten Verfassungsordnung zu leben. "Flüchtlinge kommen zum Teil aus Diktaturen, aus patriarchalen und paternalistischen Gesellschaften. Das ist ein Problem. Aber nicht die Religion", meinte Kretschmann.

Woher kommen dann solche Ängste? "Vor dem Fremden, das man nicht kennt, hat man eben Angst", sagte der grüne Regierungschef. "Und leider haben es fundamentalistische Strömungen geschafft, das öffentliche Bild des Islams zu dominieren und zu verzerren." Deshalb sei es wichtig, etwa flächendeckend einen islamischen Religionsunterricht einzuführen und Imame sowie Religionslehrer an den hiesigen Universitäten auf deutschem Niveau auszubilden.

Er rechnet nach eigenen Angaben damit, dass die Flüchtlingskrise sich im neuen Jahr entspannt: "Ich gehe davon aus, dass die Maßnahmen, die wir ergriffen haben, Wirkung zeigen." In den Landeserstaufnahmeeinrichtungen seien massiv Kapazitäten geschaffen worden. "Mit dem Registrierzentrum in Heidelberg bringen wir Ordnung und Geschwindigkeit in die Verfahren." Organisatorisch habe das Land sowohl bei der Unterbringung von Flüchtlingen als auch bei der Rückführung abgelehnter Asylbewerber seine Hausaufgaben gemacht.

Wichtig sei aber auch, dass die Menschen sich erst gar nicht auf den gefährlichen Weg nach Deutschland machten. Kretschmann bekräftigte, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Bemühen um eine europäische Lösung der Flüchtlingskrise zu unterstützen.