"Ich bin nicht der Tausendsassa der Regierung", sagt Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne), wenn man ihn wie gestern bei der Regierungspressekonferenz auf fragwürdige Personalentscheidungen in seinem Kabinett anspricht. Dennoch weiß er, was in den Stuttgarter Fachministerien läuft - jedenfalls rudimentär. Zum Beispiel im Kultusministerium, das unter der mittlerweile geschassten Sozialdemokratin Gabriele Warminski-Leitheußer (SPD) ausgerechnet mit dem umstrittenen Schweizer Bildungsunternehmer Peter Fratton die Schulreform voranzutreiben versuchte.

Frattons Verpflichtung sorgt bei Kretschmann gestern zu nacheilendem Entsetzen: "Ich habe einige seiner antipädagogischen Thesen gelesen, da haben sich mir die Haare gesträubt", erklärte der grüne Regierungschef. Von Frattons vier sogenannten "pädagogischen Urbitten" der Kinder an die Lehrer ("Bringe mir nichts bei; erkläre mir nicht; erziehe mich nicht; motiviere mich nicht") halte er rein gar nichts, sagte der gelernte Gymnasiallehrer Kretschmann: "Was das soll, ist mir schleierhaft".

Weiteren Einfluss hätten Frattons extreme Thesen nun im Südwesten wohl nicht, versicherte der Ministerpräsident. Die Scherben aufkehren sollen allerdings andere in seinem Kabinett: "Ich habe ihn nicht eingestellt und muss mich auch nicht drum kümmern".

Muss er wirklich nicht. Denn zuvor hatte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" unter anderem der Ludwigsburger Erziehungswissenschaftler Matthias Burchardt die Thesen des eidgenössischen Unternehmers auseinandergenommen. Fassungslos stellte dieser dann die Frage, warum eine ganze Schulreform auf solchen Lehren aufbaue.

Fratton kündigte hernach beleidigt seine Mitarbeit im Beraterkreis auf, den noch die Amtsvorgängerin des amtierenden Kultusministers Andreas Stoch einberufen hatte. Er sei Lehrer und wolle sich einer parteipolitisch motivierten Diskussion nicht aussetzen. Fratton gilt als Verfechter einer Gemeinschaftsschule und des selbstbestimmten Lernens, bei dem Lehrer lediglich als Lernbegleiter fungieren.

Zumindest in einem Praxisbeispiel war er allerdings erfolglos: Die Zürcher Wochenzeitung "Zeitfragen" berichtet, dass in dem von Fratton gegründeten Euregio-Gymnasiums in Romanshorn vier von zehn Abiturienten durchgefallen seien. Wohl deshalb kann die Schule derzeit mit freien Plätzen werben für die "Reise zu Ihrer individuellen Maturitäts-Ausbildung".