Für das Frühjahr war die Einladung versprochen, nun wird es Frühsommer: Ende Juni will Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) Vertreter der islamischen Verbände im Land empfangen. Thema sei zunächst aber nicht ein Staatsvertrag. Es solle um eine "Ideensammlung für einen Ausbau und eine Festigung der Beziehungen zwischen Staat und muslimischen Verbänden" gehen, teilt das Staatsministerium auf Nachfrage unserer Zeitung mit.

Auf einer Tagung in Hohenheim im September klang das anders. Der Chef der Staatskanzlei, Klaus-Peter Murawski, hatte eingeladen, im Frühjahr im Staatsministerium "eine Ideensammlung oder Entwurf zu einem Staatsvertrag" zu überreichen. Auf der Tagung berieten Kirchen, Islamverbände und Vertreter aus Politik und Gesellschaft über die Einbeziehung von Muslimen im Südwesten. Nun sollen erst einmal die Ergebnisse dieses Dialogprojekts "Gesellschaft gemeinsam gestalten" im Juni vorgestellt werden.

Auch sonst klingt Murawski nun vorsichtiger: "Ein Staatsvertrag ist nicht für alle Probleme eine Lösung und sollte am Ende eines gemeinsamen Prozesses und nicht an dessen Anfang stehen." Ein solcher Vertrag regelt zwischen Glaubensgemeinschaft und Staat umfassend das Verhältnis - von Feiertagen über Schulunterricht bis zu religiösen Praktiken. Für manche Anliegen, so Murawski, gebe es ja vielleicht "schnellere und bessere" Wege.

Hamburg und Bremen haben schon Staatsverträge abgeschlossen. Murawski verweist aber darauf, dass in einem Flächenland die Lage schwieriger sei. Man wolle ja die ganze Breite des muslimischen Lebens einbeziehen. Anders als die israelitische Religionsgemeinschaft sowie die Sinti und Roma, mit denen schon Staatsverträge bestehen, gebe es im Land bei den Islamverbänden "keine vergleichbar anerkannten Strukturen".

Wer die 600 000 Muslime im Südwesten vertritt, bleibt also ein Knackpunkt. Beim Dialogprojekt waren die Verbände Ditib, LVIKZ und IGBW eingebunden. Ersterer ist ein Ableger der staatlichen türkischen Religionsbehörde. Zweiterer vertritt mystisch geprägte Moscheegemeinden. Letztere sieht sich als Dachverband der Muslime des Mittelmeerraums - vom Maghreb bis zum Balkan. Größtes Einzelmitglied sind die Milli-Görüs-Moscheegemeinden - diese werden vom Verfassungsschutz beobachtet und als "legalistisch islamistisch" eingestuft.

Das Ministerium will Murawski zufolge alle drei sprechen, "aber nicht Milli Görüs". Bei der IGBW stößt das auf Unverständnis: "Sollen wir uns aufteilen?", fragt deren Vorsitzender, Muhittin Soylu. Schon beim Beirat für das Zentrum für Islamische Theologie an der Uni Tübingen wurde die IGBW 2011 ausgeladen - und beim "Runden Tisch Islam" des Integrationsministeriums erst gar nicht eingeladen. Im Januar gab es Irritationen, weil der Eingang ihres Antrag auf Erteilung von Religionsunterricht vom Bildungsministerium nicht bestätigt wurde - anders als die Anträge von Ditib und LVIKZ.

Auch diese Verbände können die Vorbehalte gegen die IGBW nicht nachvollziehen. Man arbeite gut zusammen, sagt Ditib-Landeschef Erdinc Altuntas: "Der Wille ist, gemeinsam den Weg zu gestalten."