Christoph-Maria Hörtner (40) ist die Vielfalt der Volksfrömmigkeit vertraut. „Gott ist sich für das Banale nicht zu schade“, sagt der Chef des Mini-Klosters Werd. Deshalb wundert er sich nicht, wenn ihm Gabriele Dörfel (80) aus der Höri-Gemeinde Gaienhofen verrät, dass sie selbst bei der Parkplatzsuche ihren persönlichen Schutzpatron anrufe, den Heiligen Otmar. „Das klappt“, freut sich die mobile Seniorin.

Dieser Otmar, seit 846 im Verzeichnis der Heiligen aufgeführt, ist eng verbunden mit Werd, der winzigen Insel im Rhein, wo der Fluss kein Bodensee mehr sein möchte. Das Klösterle liegt gerade noch so auf Schweizer Territorium, vom 200 Meter langen Holzsteg geht der Blick nach Stein am Rhein, vorne gehört das Idyll zum Kanton Thurgau, hinten bestimmt der Kanton Schaffhausen die weltlichen Geschicke. Die deutsche Grenze ist keine 500 Meter entfernt.



Schon die prähistorischen Pfahlbauer rammten an dieser Stelle ihre Stämme in den Strom, auch Römer fanden Gefallen an dem Eiland. Auf dem beschaulichen Fleckchen mitten im Fluss verorten Bewohner wie Gäste einen ganz besonderen Segen Gottes. Hier, geht die Mär, berührten sich Himmel und Erde. Und auch Engel und Heilige suchten diesen weltentrückten Platz oft auf.

Christoph-Maria, ein Franziskaner aus Biesendorf im Kreis Konstanz, lebt seit fast einem Jahrzehnt auf der Werd. „Das ist ein besonderer Ort“, bestätigt der Guardian, der sich die Unterkunft teilt mit zwei Priestern, einem Diakon und zwei Postulanten, sozusagen Ordenslehrlinge. „Es gibt Leute, die sind jeden Tag in unserer Kirche“, erzählt Hörtner. Auch aus Singen kämen Gläubige jeden Sonntag zum Gottesdienst, „seit 50 Jahren schon“.

Kraftortkenner und Esoteriker pilgern regelmäßig auf die Insel. Sie empfänden dort eine zweihundertmal stärkere Wirkung als an anderen Plätzen, hat der Mönch erfahren. Für ihn ist das freilich kein Wunder, „weil ja schon seit über 1000 Jahren hier gebetet wird“.

Otmar, der erste Abt des Klosters St. Gallen, starb auf Werd am 16. November 759 – als verbannter Sträfling an den Folgen der Folter. Er war den fränkischen Gaugrafen unangenehm geworden: Sie lancierten eine Kampagne, „die man heute Mobbing nennen würde“, erzählt der zur Armut verpflichtete Bruder. Nach zehn Jahren trauten sich St. Gallener Mönche, ihren Otmar aus dem Grab und zurück ins Kloster zu holen. Zu ihrem Erstaunen, vielleicht auch Erschrecken, war der Leichnam kaum verwest. Nur ein Zeh, der wohl im Wasser gelegen hatte, war nicht mehr ganz so frisch.

Als Mirakel dürften die Mönche empfunden haben, dass bei der Rückführung des Leichnams nach St. Gallen der Vorrat im Weinbehälter nicht zur Neige gehen wollte, soviel sie auch davon tranken. Dieser wundersamen Weinvermehrung verdankt Otmar – gerne mit Fässchen dargestellt – seine Position als Schutzpatron der Winzer.

Aber auch Weinasketen wie Gabriele Dörfel vertrauen auf den Heiligen. Erst kürzlich litt sie unter schlimmen Schmerzen, die kein Arzt zu lindern vermochte. Ein inniges Gebet zu Otmar, schon flüsterte ihr ein Dentist den Namen eines Heilpraktikers mit zauberhaften Methoden. Für ihr mentales Aufbauprogramm umarmt die Katholikin immer mal wieder eine Eiche auf der Insel Werd: „Wenn man die Hände an die Rinde legt, lässt der Baum seine Energie in den Körper fließen – das funktioniert hier besonders gut.“

In der Kapelle, im zehnten Jahrhundert auf der Otmars Grabstätte entstanden, erklingt zwischen 6.30 und 18 Uhr mehrfach das Frohlocken der Frommen. Mittwochs um 8Uhr bei der Pilgermesse reichen die 24 Stühle oft nicht aus. Das Gotteshaus, so steht es in der Gebrauchsanweisung für die Gebetsanliegen, biete Besuchern „Erfüllung ihrer Sehnsucht, Trost den Trauernden, Hoffnung den Einsamen, Antwort den Fragenden“.

Gut verschlossen ist die Monstranz. Wenn Bruder Christoph-Maria, der einst im heimischen Narrenverein seinen Spaß hatte, nach deren Inhalt gefragt wird, hält er sich nicht akribisch an das achte Gebot. „Ich sage immer“, verrät er verschmitzt lächelnd, „das ist ein Knochen vom kleinen Zeh, der nicht verwest war.“

 

Ein unbequemer Abt

Otmar, geboren um 689, war ein Alemane. Er wandelte die Zelle des heiligen Gallus zum Kloster St. Gallen um. Er war ein guter Organisator, das Kloster blühte auf. Da die neuen fränkisch-karolingischen Herrscher die Alemannen zurückzudrängen suchten, störte der beliebte Otmar. Bei einem Schauprozess mit fingierter Anklage wurde der Klostergründer zum Hungertod verurteilt, dann zu lebenslanger Haft auf Werd begnadigt.

Kein Platz für Auszeit

Werd gehört zur Gemeinde Eschenz, von deren Ufer ein Holzsteg auf die Insel führt. Hilfesuchende können zwar mit den seit 1957 anwesenden Franziskanern sprechen, ein längerer Aufenthalt als klösterliche Auszeit ist wegen der beengten Räumlichkeiten nicht vorgesehen. In der katholischen Pfarrei Eschenz erledigen die Insel-Mönche priesterliche Aufgaben.

Langer Weg zur Mitte

Kein Irrgarten ist das Labyrinth neben dem kirchlichen Gebäude auf der kleinen Insel. Der 444 Meter lange Weg ist dem Original in der Kathedrale von Chartres (Frankreich) nachempfunden. Die zwölf Kreise stehen für zwölf Monate, zwölf Stämme Israels, zwölf Sternzeichen. Wer zu sich selber finden will, soll still hineinschreiten und bei Gott verweilen, heißt es auf einer Tafel. Man werde Antworten bekommen auf seine Fragen und die „Kraft aus der Mitte“ mit in den Alltag nehmen. „Das ist ein Kraftplatz seit der Steinzeit“, glaubt der regelmäßige Besucher Jörg Fuhrmann (39), ein Hypnotherapeut, der sich am gegenüberliegenden Ufer niedergelassen hat.