Reutlingen Kompromiss zwischen Stadt Reutlingen und Jugendhaus "Zelle"

Von linksautonomem Geist geprägte Einrichtung mit basisdemokratischer Verfassung: Das Reutlinger Jugendzentrum "Zelle".
Von linksautonomem Geist geprägte Einrichtung mit basisdemokratischer Verfassung: Das Reutlinger Jugendzentrum "Zelle". © Foto: Klaus Franke
Reutlingen / RAIMUND WEIBLE 05.03.2014
Jahrelang lieferte sich das autonome Jugendhaus "Zelle" mit der Reutlinger Stadtverwaltung eine Fehde. Ein Vergleich vor dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim befriedet nun die schwierige Beziehung.

Reutlingen ist keine Fasnachtshochburg. Das Leben verläuft selbst in den närrischen Tagen in geordneten Bahnen. So gab es auch keine Auszeit in den Verhandlungen zwischen der Stadtverwaltung Reutlingen und dem autonomen Jugendzentrum "Kulturschock Zelle". In drei abendfüllenden Sitzungen arbeiteten die beiden Delegationen einen Vergleich aus, der nun dem Verwaltungsgerichtshof Mannheim vorgelegt wird. Und der die belastete Beziehung zwischen "Zelle" und Stadt wenn nicht kitten, so doch befrieden soll.

Der Kompromiss sieht vor, dass die Stadt Reutlingen auf eine allgemeine Schanklizenz für den Betrieb des Jugendhauses verzichtet. Diese muss nur in Ausnahmefällen beantragt werden, etwa, wenn der Verein für Veranstaltungen mehr als fünf Euro Eintrittsgeld erhebt. Seinerseits verpflichtet sich die "Zelle", städtischen Amtspersonen Zutritt zu öffentlichen Veranstaltungen zu gewähren. In einem Anhang an diesen Vergleich vereinbarten die Verhandlungspartner ein Konzept für den Jugendschutz und die Drogenprävention.

Die "Zelle", die Stadt und die Polizei: Ein schwieriges Verhältnis seit vielen Jahren. Im Sommer 2011 wuchs diese schwierige Beziehung zur Fehde aus, als die Stadt der "Zelle" eine Schanklizenz verordnete. Durch die verspricht sich die Stadt mehr Eingriffs- und Kontrollmöglichkeiten. Die Stadt wurde aktiv nach einer Reihe von Vorfällen. Im vergangenen Jahr sind zwei 16-jährige Mädchen vollgepumpt mit Alkohol auf dem Terrain der "Zelle"angetroffen und in hilflosem Zustand ins Krankenhaus eingeliefert worden. Fälle wurden bekannt, bei denen Jugendlichen K.o.-Tropfen in Getränke gemischt wurden, auch gab es Dealereien mit Rauschgift. Wolfgang Löffler, Leiter des Presseamts der Stadt Reutlingen, beschreibt die Probleme als "so gravierend, dass du nicht darüber hinwegsehen kannst".

Oberbürgermeisterin Barbara Bosch (parteilos) hielt fest: "Die Zelle ist kein rechtsfreier Raum." Die Präsidentin des Städtetags Baden-Württemberg ist nicht als Verfechterin eines harten Law-and-Order-Kurses bekannt. Bosch rechtfertigt ihren entschiedenen Kurs mit der Sorge um den Jugendschutz. Die Stadt legt daher Wert auf klare Verantwortlichkeiten innerhalb des Jugendhauses.

Das halten die Aktivisten jedoch mit dem Selbstverständnis der Zelle für nicht vereinbar. Die "Zelle", eines der ältesten Jugendzentren des Landes, sieht sich als selbstverwaltetes, von links-autonomem Geist geprägte Einrichtung mit basisdemokratischer Verfassung. Es entscheidet das Plenum, ein von vom inneren Kern, aber auch eher zufällig anwesenden Jugendlichen gebildetes Gremium, das Formalien ablehnt. Das Motto lautet: "Kunst und Kultur für alle - weit ab von Kommerz und Einheitsbrei." Die "Zelle" will selbstständig bleiben, sich nicht dreinreden lassen. Und vor allem: Nicht kontrolliert werden - weder von der Stadt noch von der Polizei. Übersetzt in die Sprache der "Zellis" geht es um eine "bullenfreie Zone".

Gegen die Auflagen der Stadt klagte der Trägerverein vor dem Verwaltungsgericht. Die "Zelle" verlor den Prozess, ging aber in Berufung. Es gab auch Protestaktionen. Zornige Jugendliche haben den städtischen Ordnungsamtsleiter beim Neujahrsempfang mit Konfetti überschüttet, vor der Hallenchefin ausgespuckt und Parolen an die Wand der Toilette gesprüht. Ein paar Wochen später zog ein Trupp von "Zelle"-Sympathisanten durch die Stadt und besprühte Fassaden prominenter städtischer Gebäude. Eine Aktion, mit der sich die "Zelle" viele Sympathien verscherzte.

Es gibt einladendere Gegenden in Reutlingen als der Platz, auf dem die "Zelle" steht. Das Zentrum residiert in einem feuchten Viertel nahe der B 312. Im Umfeld: Ein Bordell, ein Erotikmarkt und das Vereinslokal der Hells Angels. Die "Zellis" selbst sind nicht glücklich über den Ort. Nicht nur die Lage, sondern auch "die Darstellung der Stadt, dass das ein Drogenloch ist, schreckt viele ab", sagt Vincent Deigendesch, einer der Aktiven.

Der 22-Jährige wirbt dafür, die Verhältnisse differenziert zu betrachten. "Wir sind nicht der gefährlichste Laden", sagt Deigendesch, "in privaten, kommerziellen Clubs geht es heftiger zu." Er und Vereinsvorsitzender Philipp Henes (28) verweisen auf die Bemühungen der "Zelle", das Drogenproblem in Griff zu kriegen. Der Spruch "DealerInnen verpisst euch", versehen mit einem Porträt einer resolut blickenden Angela Merkel, ziert die Internet-Seite der "Zelle".

In den Vergleichsgesprächen hat die "Zelle" Zugeständnisse gemacht. Die Stadt auch. Jetzt kommt es darauf an, wie belastbar dieser Vergleich ist.

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