Dinkelsbühl/Crailsheim Kommunale Klärschlamm-Anlage nach Pleite an Gemüsebauer verkauft

Die Verfahrenstechnik kam nie so richtig ins Laufen: Für 38 Millionen Euro von den Crailsheimer Stadtwerken und mehr als 20 Kommunen gebaut, musste die Klärschlammverwertungs-Anlage Waldeck bei Dinkelsbühl 2012 Insolvenz anmelden. Jetzt wurde sie für 4,25 Millionen verkauft. Foto: KSV
Die Verfahrenstechnik kam nie so richtig ins Laufen: Für 38 Millionen Euro von den Crailsheimer Stadtwerken und mehr als 20 Kommunen gebaut, musste die Klärschlammverwertungs-Anlage Waldeck bei Dinkelsbühl 2012 Insolvenz anmelden. Jetzt wurde sie für 4,25 Millionen verkauft. Foto: KSV
Dinkelsbühl/Crailsheim / ANDREAS HARTHAN 08.03.2013
Was als umweltpolitische Pioniertat gefeiert wurde, endete in der Insolvenz: Die einst 38 Millionen teure Klärschlammverwertungsanlage (KSV) bei Dinkelsbühl wurde für vier Millionen Euro verkauft.

Sie wollten mit der KSV Umweltgeschichte schreiben, die Crailsheimer Stadtwerke und die Oberbürgermeister aus Crailsheim und Dinkelsbühl. KSV steht für Klärschlammverwertungsanlage, für ein Biomasse-Heizkraftwerk, das mit einer Mineralisierungsanlage für Klärschlamm gekoppelt ist. So sollte nicht nur Strom produziert, sondern auch gleich noch die Klärschlammentsorgung revolutioniert werden. Vorgesehen war, den Schlamm nicht mehr auf Feldern und in stillgelegten Kohlegruben zu entsorgen, sondern zu mineralisieren. Das so gewonnene Substrat wollte man etwa im Straßenbau einsetzen.

Von "erprobter Verfahrenstechnik" war die Rede, der damalige Crailsheimer Oberbürgermeister sprach bei der offiziellen Inbetriebnahme im Jahr 2008, an der neben Ex-Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) auch der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) teilnahm, von einem "technischen Glanzstück". Den Bau hatten neben den Crailsheimer Stadtwerken und der Stadt Dinkelsbühl mehr als 20 Kommunen diesseits und jenseits der württembergisch-bayrischen Grenze ermöglicht. Sie hofften, mit der KSV das leidige Thema Klärschlamm-Entsorgung ein für allemal vom Tisch zu haben.

Doch schnell ahnten die Bürgermeister, dass sie sich ein Problem zugelegt hatten. Die "erprobte Verfahrenstechnik" kam nie richtig ins Laufen, der Holzpreis stieg dramatisch, die Mineralisierungsanlage steht seit 2010 still und die Wärme des Kraftwerks verpufft bis heute weitgehend ungenutzt.

Schnell rutschte das 38 Millionen Euro teure Projekt, das mit einer dürftigen Eigenkapitalquote von fünf Prozent finanziert worden war, in den roten Bereich, konnte den Schuldendienst nicht mehr erwirtschaften. Um eine Pleite zu verhindern, wandelten die KSV-Gesellschafter ihre Bürgschaften in Kredite um. Damit waren die Schulden bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) abgelöst, aber das Schicksalsband zwischen vielen kleinen Gemeinden in der Grenzregion und der schwächelnden KSV im Gewerbegebiet zwischen Crailsheim und Dinkelsbühl umso enger geknüpft.

Zwar behauptete das Unternehmen nach der Umschuldung im Sommer 2011, es habe Zukunft, doch mit der war es nicht weit her. Das Ende ließ denn auch nicht allzu lange auf sich warten, im April 2012 musste die KSV wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden. Zuvor hatte ein Turbinenschaden die Stromproduktion für mehr als zwei Monate stillgelegt.

Vor wenigen Tagen wurde das Insolvenzverfahren abgeschlossen, eine Gruppe von bayrischen Unternehmen um einen großen Gemüseproduzenten aus Nürnberg erhielt für 4,25 Millionen Euro den Zuschlag.

Das Nachsehen hatte ein Konsortium von baden-württembergischen Energieversorgern unter Leitung der Stadtwerke Schwäbisch Hall. In die Röhre schauen auch die einstigen KSV-Besitzer. Die finanziell ohnehin nicht auf Rosen gebettete Stadt Crailsheim und ihre Stadtwerke hat das Abenteuer um die 25 Millionen Euro gekostet, etliche kleine Gemeinden können ihre KSV-Schulden nur mühsam finanzieren.

Was bleibt, ist die Anlage. In der werden weiterhin Hackschnitzel verbrannt und wird so Strom gewonnen. Die Wärme wollen die neuen Besitzer künftig für die Beheizung eines gigantischen Gewächshauses nutzen, für das in den nächsten Wochen zwölf Hektar Wald in der Nachbarschaft gerodet werden müssen.

Der Nürnberger Gemüseproduzent plant die Verlegung seines gesamten Tomatenanbaus aus dem "Knoblauchsland", dem Gebiet zwischen Nürnberg, Fürth und Erlangen, nach Dinkelsbühl. So hat zumindest der Oberbürgermeister dieser Stadt die Hoffnung, mit einem blauen Auge davonzukommen, weil Gewerbesteuer fließen dürfte.

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