Wasserkraft Kleine Wasserkraftanlagen vor dem Aus?

Herbrechtingen / Manuela Wolf 01.08.2018
In diesen Tagen ist ein neuer Erlass des Umweltministeriums in Kraft getreten. Betreiber und Verbände kritisieren die Regelung scharf.

Mit großer Sorge erwartet Ernst Hopfenziz eine Entscheidung aus Stuttgart. Der Betreiber der Bindsteinmühle am Rande des Eselsburger Tals (Kreis Heidenheim) ist dort gleichzeitig auch Betreiber einer sogenannten kleinen Wasserkraftanlage. Weil deren Leistung unter 100 Kilowatt liegt, könnte sie der neue Erlass des Landesumweltministeriums zum Stillstand bringen. Könnte, denn Gewiss ist in diesen Wochen allein die Unsicherheit.

Ernst Hopfenziz weiß, dass die 1960 gebaute Fischtreppe an der Bindsteinmühle mit ihren steilen Kammern nicht mehr dem neuen Standard entspricht. Auch der Rechen ist inzwischen wohl zu grob. Ein feinerer müsste her, zum Wohl der Fische, aber zum Leid des Müllers, der ohnehin schon mehrmals am Tag aufgefangenes Grünzeug, Äste und Müll wegräumt. „Seit ein paar Jahren steht der Fisch hoch im Kurs. Natürlich liegt auch mir der Umweltschutz am Herzen. Aber es fehlt ein alltagstaugliches Mittelmaß“, sagt er. Dass der 78-Jährige auf seine alten Tage keine größeren Investitionen mehr zu tätigen vermag, ist nachvollziehbar.

800 mögliche Schließungen

Und so wie dem Bindsteiner Müller geht es den meisten Betreibern der sogenannten kleinen Wasserkraftanlagen im Südwesten. Rund 1700 Wassertriebwerke dieser Art gibt es im Südwesten, und bei all denen, die in die Jahre gekommen sind, steht dieselbe Frage im Raum: Weitermachen oder dicht machen? Es geht um rund 800 mögliche Schließungen. Diese Gebäude haben nicht nur für deren Besitzer einen hohen ideellen Wert. Sie erzählen Geschichten aus längst vergangenen Tagen; der Andrang etwa beim traditionellen Mühlenwandertag an Pfingsten ist enorm.

Die Arbeitsgemeinschaft Wasserkraftwerke Baden-Württemberg sieht den Wasserkrafterlass daher mehr als kritisch. In ihrer offiziellen Stellungnahme heißt es: „Die vorliegende Verwaltungsvorschrift konterkariert die politischen Vorgaben und schafft eine Anleitung für Behörden und Umweltverbände zur Ablehnung von Genehmigungsanträgen.“  Sprecher Fritz Kemmler sagt: „Wir haben den Eindruck, dass die Wasserkraftnutzung als Sündenbock vorangestellt wird und alle anderen Ursachen unserer gewässerökologischen Probleme unter den Tisch gekehrt werden.“

Tatsächlich machen Fischereiverbände und Umweltschützer seit vielen Jahren vor allem die kleinen Wasserkraftanlagen im Südwesten für den Rückgang der Fischbestände in Fließgewässern verantwortlich. Dass dabei Überdüngung, in Flüsse eingeleitete Chemie und Hormone, Kormorane auf Nahrungssuche und der künstliche Fischbesatz durch Angelvereine eine Rolle spielen  könnten, werde meist abgetan.

Wasserkraftanlagen dienen durchaus dem Gemeinwohl. Die Wasserkraft hat zum Beispiel nach der Photovoltaik mit etwa acht Prozent den zweitgrößten Anteil an erneuerbarem Strom in Baden-Württemberg, der konstant produziert wird.

Ökologische Gründe

Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) kann den Unmut der Betreiber nachvollziehen. „Aber die Einschränkungen, die es aus ökologischen Gründen gibt, wie ich finde übrigens völlig zu Recht, gehen auf die einschlägigen Gesetze zurück, nicht auf unseren Erlass“, sagt er. „Wir verlangen in keinen Rechtsbereichen, dass man Maßnahmen umsetzen muss, die nicht notwendig oder unverhältnismäßig sind.“

Doch was ist verhältnismäßig und was  unverhältnismäßig? Ernst Hopfenziz betreibt die Mühle eigentlich mithilfe der Wasserkraftanlage, vorausgesetzt, die Brenz führt genug Wasser. Doch seit Renaturierungsmaßnahmen vor ein paar Jahren bringt sie oft nicht mehr ausreichend Leistung. Hopfenziz: „Falls ich abschalten muss, schalte ich eben ganz um auf Steckdosenbetrieb. Aus welcher Energiequelle der Strom stammt, ist meiner Mühle zum Glück egal.“

Beispiel aus dem Landkreis Ravensburg

Blick in den Landkreis Ravensburg: Karl Eyrich ist Kleinkraftwerksbetreiber in dritter Generation, Jahresgewinn maximal 7000 Euro. Seit langer Zeit macht ihm hier, rund 25 Kilometer vom Bodensee entfernt, die Seeforelle das Leben schwer. Besser gesagt: eine Schätzung der Internationalen Konferenz für die Bodenseefischerei, wonach der Bestand mit zehn bis 50 Tieren anzunehmen sei; nachgewiesen wurde das bisher nicht. Eyrich, der seine Anlage 1990 komplett hat modernisieren lassen, soll deshalb eine neue Fischtreppe mit extra großen Kammern bauen lassen, die mit 200.000 Euro rund ein Drittel teurer sein wird als gewöhnliche Fischtreppe. Eyrich hat knapp 20.000 Euro in die Planung für eine abgespeckte Version investiert. Doch alles, was er vorgelegt habe, habe das Amt ein ums andere Mal abgelehnt: „Es kommen immer neue Forderungen und Zwangsgeldbescheide.“

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