Lahr Klein-Russland in Lahr

PETRA WALHEIM 16.03.2016
Von den 44.500 Einwohnern der Stadt Lahr sind knapp ein Viertel Russlanddeutsche. Sie gestalten das Leben mit. Viele blicken mit Sorge auf die Flüchtlinge, was sich auch im Wahlverhalten widerspiegelt.

Die Integration der Spätaussiedler in Lahr gilt als Erfolgsgeschichte. Die bekam allerdings einen Knick, als Ende Januar in Lahr wie auch in anderen Städten hunderte Spätaussiedler auf die Straßen gingen und gegen die Flüchtlingspolitik demonstrierten. Obwohl sie selbst als Migranten kamen, stehen viele den Flüchtlingen kritisch gegenüber. Das zeigte sich am Sonntag auch bei der Landtagswahl. In Bezirken mit hohem Spätaussiedler-Anteil kommt die AfD auf bis zu 38 Prozent. "Sie sind nicht rechtsradikal oder rassistisch", sagt Oberbürgermeister Wolfgang Müller. Der Grund sei, dass sie, die zuletzt gekommen sind, auf die, die jetzt kommen, skeptisch schauten, weil sie Sorge haben, ob es für sie weiter gut läuft. Auch seien die meisten Russlanddeutschen konservativ mit "sehr klaren Ordnungsvorstellungen". Dazu passe die Verunsicherung nicht, die der Flüchtlingsstrom ausgelöst habe.

Lahr ist eine Hochburg der Spätaussiedler. Das zeigt sich selbst im Supermarkt. Eine Handelskette bietet in einem Regal russische und osteuropäische Lebensmittel an, die der Kunde sonst nur selten zu sehen bekommt. Da gibt es Gläser mit eingelegten russischen Gurken und Tomaten, es gibt vieles für die russische Küche, dazu Kaviar - und Süßigkeiten in russisch und auch in kyrillisch beschrifteten Verpackungen. Kunden, die die Lahrer Verhältnisse nicht kennen, wundern sich.

Für die Lahrer ist es normal. Sie leben seit über 20 Jahren mit 10.000 Russlanddeutschen in der Stadt. "Das klappt gut hier bei uns", sagt der Oberbürgermeister. Er ist seit 1997 im Amt. Da waren die meisten Spätaussiedler schon in der Stadt.

1994 zogen 10.000 kanadische Soldaten, die in Lahr stationiert waren, ab. Innerhalb kürzester Zeit standen tausende von Wohnungen leer. Gerade zu der Zeit öffneten sich in Sibirien, Kasachstan und Kirgisien für die deutschstämmigen Russen die Grenzen gen Westen. Zigtausende verließen das Land, das ihre Vorfahren vor gut 250 Jahren auf Einladung von Zarin Katharina der Großen bevölkert hatten. Die Kasernen in der alten Heimat waren willkommene Unterkünfte. Das ist die Erklärung, warum Lahr unter den Südwest-Städten den höchsten Anteil an Spätaussiedlern hat.

Den Integrationsstatus der Russlanddeutschen in Lahr bezeichnet OB Müller als "ausgesöhnte Verschiedenheit". "Wir müssen nie eins werden, es darf immer Unterschiede geben", sagt er. Die meisten sprechen außer dem Deutsch mit dem typischen Akzent und dem rollenden "R" immer noch russisch. Sie kochen russische Gerichte, tragen bei Festen ihre Trachten, singen ihre Lieder und schauen russisches Fernsehen.

"Warum nicht?", fragt Müller. Das Mitsingen beim Badnerlied oder Schwarzwälder Kirschtorte auf dem Tisch seien keine Zeichen von Integration. Entscheidend sei, dass sie Deutsch sprechen, Arbeit und Kontakt zu den Lahrern haben.

"Wir sind Lahrer", sagen Walter Held und Olesja Rudi. Sie leiten die Ortsgruppe Lahr der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland. Der Verein kümmert sich um die Eingliederung der Russlanddeutschen und betreut sie. Auch die Pflege der Tradition, der Kultur und der Geschichte ist wichtig. "Wir wollen auch helfen, das Image der Russlanddeutschen zu verbessern und zeigen, dass wir eine Bereicherung für die Stadt sind", sagt Olesja Rudi. Gefördert wird das nach wie vor auch von der Stadt, auch noch nach 20 Jahren. Jährlich investiert sie eine Million Euro für ein Begegnungszentrum, für sozialpädagogische Schülerhilfe, für zweisprachige Sozialberatungen und Jugendsozialarbeit. Eingesetzt werden gerne Russlanddeutsche, wie Hilda Beck. Sie reiste 1993 aus Kasachstan aus und landete in Lahr. Heute ist sie bei der Stadt angestellt, bietet zweisprachige Sozialberatungen nicht nur für Russlanddeutsche an. Aktuell berät sie vor allem Flüchtlinge aus Osteuropa.

Für die Jugend setzt sich Alexander Marker (56) ein. Er ist 1998 mit 21 Familienmitgliedern aus Sibirien nach Friesenheim gekommen, einem Nachbarort von Lahr. Bereits ein Jahr später war er als Streetworker in Lahrs sozialen Brennpunkten unterwegs. Die gibt es bis heute, auch wenn sich die Russlanddeutschen in der Stadt verteilt haben. Noch immer gibt es Siedlungen wie den Kanadaring, in denen sie "zusammenglucken". Im Kanadaring liegt der Aussiedler-Anteil bei 75, in der Schornsiedlung im Ortsteil Kippenheimweiler bei 100 Prozent. Und doch: "Ich bin in hohem Maße zufrieden mit der Integration", sagt Müller. Als Erfolg wertet er auch, dass in drei Stadtteilen vier russlanddeutsche Ortschaftsräte sitzen.