An die „sehr interessante Begegnung“ kann sich Nora Wohlfarth noch gut erinnern. Bei der Historikerin, die am Projekt „Heimerziehung 1949 – 1975“ des Landesarchivs mitarbeitete, meldete sich in der Ausstellung eine Frau, die ihr eigenes Kind weggeben musste: Unehelich, vom Ehemann unerwünscht, keine Zeit wegen der Berufstätigkeit. Sie habe keine andere Wahl gehabt, erklärte die Mutter ihre Entscheidung. „Das hat sie natürlich sehr betroffen gemacht“, schilderte Nora Wohlfarth ihren Eindruck. Für die Wissenschaftlerin sind solche Gespräche besonders wertvoll: „Denn die Probleme der Eltern kommen in Akten nur am Rande vor.“

Für die Wanderausstellung „Verwahrlost und gefährdet?“ sind 1620 Personen befragt worden, die zwischen 1949 und 1975 in einem der mehr als 600 Heime im Südwesten einen prägenden Teil ihres Lebens verbringen mussten. Das Landesarchiv hatte zur Erforschung dieser Geschichte 2012 eigens eine Projektstelle eingerichtet. Dort gibt es auch Hilfen für die Betroffenen, über 1500 Personen haben sich gemeldet. „Das Negative überwiegt“, fasste Wohlfarth die Berichte zusammen. Die Häuser – von privaten Einrichtungen mit zehn Plätzen bis zu Anstalten mit mehreren hundert Kindern – seien meist schlecht ausgestattet gewesen. Die große Mehrheit habe von seelischer und körperlicher Gewalt berichtet. Zwar warnte die Historikerin vor einer Verallgemeinerung, „aber die Tendenz geht zu viel Leid und Mangel“. Allerdings könnten Zustände, die von einem als grauenhaft erlebt worden seien, andere als durchaus erträglich empfunden haben. Belastend sei etwa der Zwang bei der Ernährung gewesen: „Die Kinder mussten alles essen, wenn sie es erbrachen, wurde es wieder untergemischt.“

In den Heimen habe es durchaus auch „seltene Momente des Glücks“ gegeben. „Schwester Lotte nahm mich in den Armen, wenn ich geweint habe“, erzählte Wohlfarth ein Beispiel für die positive Zuwendung. Gute Erfahrungen seien meist mit einzelnen Menschen verbunden gewesen. Häufig seien die Sonntage in angenehmer Erinnerung, weil sie sich vom „durchstrukturierten Alltag“ deutlich unterschieden hätten: „Kirchenbesuch, aber keine Schule, weniger Arbeit, durchatmen, später auch Fernsehen.“ Es seien in manchen Einrichtungen „liebevolle Weihnachtsfeiern“ abgehalten worden, an die Heimkinder gerne zurückdenken.

Die Ausstellung, die jetzt im Staatsarchiv in Ludwigsburg aufgebaut ist, ist auch für angehende, aktive und ehemalige Erzieher von großem Interesse. Nora Wohlfarth sprach mit einem Lehrer, dem der Anfang im Tempelhof bei Crailsheim offenbar noch heute zu schaffen macht. Als er sich in der Heimschule vorstellte, wurde ihm ein Medizinball in die Hand gedrückt. Daran sollte er üben, wie seinen Schützlingen effektive Ohrfeigen verpasst werden. „Er hat das als furchtbar empfunden und war sehr ungern dort“, erfuhr die Expertin für deutsche Erinnerungskultur.

Die Ausstellung weckt bei früheren Heimkindern scheinbar auch das Interesse an der eigenen Vergangenheit. Manche suchen ihre Eltern oder Geschwister. Aber viele Akten existieren nicht mehr, weil sie 30 Jahre nach dem Erreichen der Volljährigkeit vernichtet worden sind. „Das ist bei sehr vielen der Fall“, hat Wohlfarth registriert, „heute sind die Jugendämter sensibilisiert.“

Besonders an junge Besucher richtet sich ein Fragebogen, der jenen Kriterien nachempfunden ist, die einst für die Einweisung ins Heim entschieden haben. „Sind sie unehelich geboren? Waren Ihre Eltern geschieden bzw. war ein Elternteil alleinerziehend? War Ihre Mutter berufstätig? Hatten Sie bereits als Jugendliche/r eine Liebesbeziehung? Hatten Ihre Eltern finanzielle Schwierigkeiten? War eines Ihrer Elternteile verstorben?“ Schon ein „Ja“ hatte einst ausgereicht, um als „gefährdet“ zu gelten. Heute sind 30 Prozent der Kinder unehelich geboren, 60 Prozent der Mütter arbeiten.

Bis November in Ludwigsburg

Ausstellung Die Dokumentation des Landesarchivs über die Heimerziehung zwischen 1949 und 1975 ist bis 23. November im Staatsarchiv in Ludwigsburg (Arsenalplatz 3) aufgebaut. „Verwahrlost und gefährdet?“ ist dort montags bis donnerstags von 9 bis 16.30 Uhr und freitags bis 15.30 Uhr zu sehen. Der Eintritt ist frei. Am 4. Oktober, 19 Uhr, liest Clemens Maria Heymkind aus seinem Buch „Verloren im Niemandsland“. Nächste Station ist ab 28. November das KVJS-Tagungszentrum in Herrenberg-Gültstein.

Konzeption Die Wanderausstellung, die seit Juli 2015 unterwegs ist, erlaubt anhand von Bildern und Dokumenten einen Einblick in den Alltag der Heime. In Filmen kommen Zeitzeugen zu Wort. Vertiefende Informationen liefert ein Buch mit 160 Seiten. hgf