„Heute ist nichts zu erwarten“, fasste Staatsanwalt Thomas Hauburger den Stand der Fahndung nach den Entführern von Markus Würth am Freitagnachmittag zusammen. Der Sprecher der Anklagebehörde in Gießen hielt sich stark bedeckt bei der Frage nach möglichen Fahndungsansätzen. Die Sonderkommission, die von Kassel aus geleitet wird, gehe „allen Spuren am Ort des Verschwindens und Auffindens“ des Opfers nach.

Der 50 Jahre alte, geistig behinderte Sohn der Künzelsauer Unternehmerfamilie Würth war am Mittwoch aus einer therapeutischen Einrichtung im nordhessischen Schlitz (Vogelsbergkreis) entführt worden.

Als er nicht rechtzeitig von einem seiner üblichen Spaziergänge zum Mittagessen erschienen war, erstattete die Leitung des gemeinnützigen Vereins „Lebensgemeinschaft“ gegen 15 Uhr Vermisstenanzeige. 17 Stunden später entdeckten Spezialeinsatzkräfte der Polizei das unterkühlte Opfer in einem Wald bei Kist unweit von Würzburg. Wie lange Würth in diesem Forst – rund 140 Kilometer von der Lebensgemeinschaft entfernt – ausharren musste, behält die Polizei für sich.

Nach unbestätigten Informationen war das Opfer an einen Baum gefesselt worden. Angeblich hat mindestens einer seiner Peiniger die geografischen Koordinaten an die Polizei verraten. Die von der Familie geforderten drei Millionen Euro Lösegeld seien nicht bezahlt worden, erklärte der Staatsanwalt. Die Entführer entledigten sich ihres Opfers, bewusst oder zufällig, auf dem Weg in Richtung Künzelsau.

Auch am Freitag war unklar, wie der 50-Jährige bei der Fahndung nach seinen Entführern behilflich sein kann. Seit einem Impfschaden als Kleinkind vermag sich Markus Würth nur schwer zu artikulieren. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass er mindestens über die Zahl der Täter Auskunft geben kann. Der Staatsanwalt, der sich alle Presseauskünfte vorbehält, wollte dazu gleichfalls keine Details nennen.

Unterdessen hat eine Diskussion über den Schutz des Sohnes aus einer der reichsten Familien der Republik begonnen. Allem Anschein nach konnten die Kriminellen ihr Opfer in dem idyllischen Landstrich unbehelligt ausspionieren und widerstandslos verschleppen. „Besondere Schutzmaßnahmen sind nicht bekannt“, sagte Hauburger der SÜDWEST PRESSE. Scheinbar wurden derlei Vorkehrungen auch gar nicht als notwendig erachtet. „Diese Einrichtung ist eine Art Dorf, in dem jeder auf jeden aufpasst“, beschrieb der Staatsanwalt die Situation im Hofgut Sassen südlich von Fulda. Er sprach von einem „schönen Zusammenleben“.

Die Familie Würth äußert sich weder über die Entführung noch über die Konsequenzen. Es gibt daher keine Informationen, ob Markus Würth auf das Hofgut, das seit 30 Jahren seine Heimat geworden ist, zurückkehren wird. „Keinerlei Kommentar“, sagte eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage knapp.

Anders als etwa der extrem scheue „Lidl“-Chef Dieter Schwarz aus Heilbronn, der sich nirgendwo zu erkennen gibt, haben sich Reinhold Würth und seine Frau bei geschäftlichen und privaten Aktivitäten bisher gern und oft in der Öffentlichkeit gezeigt. Würth ist nicht nur das Synonym für ein erfolgreiches Handelsunternehmen mit weltweit mehr als 66 000 Mitarbeitern, der Name steht auch für einen der engagiertesten Kunstsammler mit derzeit über 16 000 Objekten in mehreren Museen und für ein großzügiges Mäzenatentum. Weniger bekannt ist dagegen, dass für die Sicherheit des Ehepaares schon seit langem Bodyguards sorgen. Diese Leibwächter treten allerdings derart dezent auf, dass selbst langjährige Mitarbeiter überhaupt nichts von dieser Eskorte mitbekommen haben.