Stuttgart / PETRA WALHEIM  Uhr
Naturschutzbund und Landesschafzuchtverband fordern vom Land eine Weideprämie für Schäfer. Deren Zahl ist in den vergangenen zehn Jahren um 25 Prozent gesunken. Das hat auch ökologische Folgen.

Nicht nur Kinder freuen sich, wenn sie auf einer Weide eine Schafherde stehen sehen, die friedlich grast. Vielleicht sitzt der Schäfer am Rand der Herde und beobachtet seine wollenen Schützlinge, während auch der Hütehund die Tiere im Blick hat. Dieses friedliche Bild wird immer seltener, weil es immer weniger Schäfer gibt. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. "Mit einem Stundenlohn von 4,27 Euro sind die Schäfer im Land vom gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro weit entfernt", sagt Andre Baumann, Landesvorsitzender des Naturschutzbunds (Nabu). Ohne Unterstützung des Landes hätten viele wirtschaftlich keine Chance.

Deshalb fordert er die grün-rote Landesregierung auf, auch den Schafhaltern eine Weideprämie zu gewähren, wie sie für die Halter von Milchkühen geplant ist. Baumann hält eine Honorierung von 220 Euro pro Hektar beweideter Fläche für angemessen. Zudem fordert er die Prämie für alle Flächen. Bislang bekommen die Schäfer eine Förderung nur für die Beweidung geschützter Flächen, wie es zum Beispiel die Wacholderheiden sind.

Auch über sie ist die Schafhaltung eng mit dem Naturschutz verbunden. Ohne dass Schafe diese Wacholderheiden offen halten, ist der Erhalt der Gebiete auf der Schwäbischen Alb, im Odenwald und am Bodensee fast unmöglich. Auch deshalb hat der Nabu als Verband großes Interesse daran, dass die Schäferei im Land erhalten und gefördert wird. "Auch der Naturschutz braucht die Schäfer", betonte Baumann gestern in der Jahrespressekonferenz des Nabu in Stuttgart. Nur weil es immer noch Schäfer gibt, die mit ihren Herden über die Wacholderheiden ziehen und diese so offen halten und miteinander vernetzen, gibt es diese artenreiche Kulturlandschaft noch.

Aber sie ist ebenso bedroht wie die Schäferei. 70 bis 80 Prozent der Wacholderheiden seien gefährdet, sagt Baumann. Das gleiche gelte für die Magerrasen. Deren Fläche sei in den vergangenen 50 Jahren um 50 bis 60 Prozent zurückgegangen. Diese Kalkmagerrasen seien jedoch ebenso wie die Wacholderheiden EU-weit geschützt und müssten erhalten werden.

Die Versuche, die Flächen von Menschenhand zu pflegen und offen zu halten, sind bislang nicht zufriedenstellend verlaufen - und außerdem zu teuer. "Die Wacholderheiden können in ihrer jetzigen Form nur durch die Schafbeweidung erhalten werden", betont Baumann. Unersetzlich sind die Schafe auch darin, dass sie die Samen der Pflanzen verbreiten: Die Samen, die sie auf einer Fläche fressen, scheiden sie auf einer anderen wieder aus und sorgen damit auch für eine große Artenvielfalt auf den Heiden. Weil Nabu und Landesschafzuchtverband die gleichen Interessen verfolgen und einander brauchen, haben sie Ende Juli einen Kooperationsvertrag abgeschlossen.

"Für uns Schäfer ist es nicht fünf vor zwölf, sondern Punkt zwölf", sagte damals Alfons Gimber, Vorsitzender des Landesschafzuchtverbands. Viele seiner Kollegen stünden mit dem Rücken zur Stallwand. "Schäfer arbeiten bei Wind und Wetter, kennen kein Wochenende, keinen Urlaub und keine Feiertage - und das bei einem Stundenlohn von 4,27 Euro. So hat die Schäferei keine Zukunft", betonte er.

Das belegen auch die Zahlen: Mitte des 19. Jahrhunderts gab es im Land 900 000 Schafe. Jetzt sind es noch 216 000, wobei die Zahl der Schafe in den vergangenen zehn Jahren besonders drastisch gesunken ist. Die Zahl der Schäfereibetriebe ist im gleichen Zeitraum um 25 Prozent auf jetzt 3200 Betriebe gesunken. Damit steht Baden-Württemberg nach Bayern an zweiter Stelle in Deutschland. "Baden-Württemberg ist das Schäferland", betonte Baumann. Damit die fast 4000 Jahre alte Tradition der Schäferei in Süddeutschland erhalten bleibt, fordern Nabu und Landesschafzuchtverband, dass die Weideprämie von 220 Euro pro Hektar beweideter Fläche auch für Schafe und Ziegen in das neue Agrarumweltprogramm FAKT aufgenommen wird.

Damit sich Kinder und Erwachsene auch in Zukunft an der friedlich grasenden Schafherde erfreuen können.

In der Krise

Zu billige Wolle Lange lebten die Schäfer auch von der Wolle. Dieses Standbein ist weggebrochen, seit in den 90er-Jahren die Preise eingebrochen sind. Oft zahlen Schäfer bei der Schur drauf - und geschoren werden müssen die Tiere. Hinzu kommt, dass Wolle der verbreiteten Merinolandschaf-Rasse verglichen mit anderen Merino-Rassen nicht so hochwertig ist. Auch ist die Wollverarbeitung in Deutschland sehr stark zurückgegangen.

Zu geringer Verzehr Die Schäfer leiden auch unter dem geringen Verzehr von Lammfleisch. Die Deutschen essen laut Verband pro Kopf im Schnitt 900 Gramm Lamm pro Jahr. In Griechenland sind es 14 Kilo. Die Schäfer leben laut Verband zu 60 Prozent von staatlichen Förderprogrammen.