Tübingen Kampf der Kulturen mit Trecker, Pils und Fleischwurst

Sauerländer gegen Schwaben: Der Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger (links) im Wettstreit mit Peter Prange.
Sauerländer gegen Schwaben: Der Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger (links) im Wettstreit mit Peter Prange. © Foto: dpa
Tübingen / NICO POINTNER, DPA 14.03.2015
"Muggabatscher" versus "Nuckelpinne": Bei einem kuriosen Dialekt-Duell im Landgericht Tübingen klopfen die Sauerländer derbe Sprüche - und üben sich am Ende doch in schwäbischer Bescheidenheit.

Die Sauerländer hätten es nicht einfach, klagt der Sauerländer Peter Prange. Das Schwabenland habe Erfinder, Philosophen und Dichter hervorgebracht, Hegel, Hesse, und sogar Harald Schmidt.

"Und wir haben Friedrich Merz und Birgit Schrowange." Der Romanautor redet sich mal wieder in Rage, vor allem, wenn es um die angeblich so bescheidenen Schwaben geht. "Wenn ein Volk sich in allen Wissensbereichen derartig mit herausragenden Leistungen hervortut, kann man dann mit Fug und Recht behaupten, sie seien bescheiden?" Prange sitzt im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Tübingen, zwischen den Plätzen für Staatsanwaltschaft und Verteidigung, ihm gegenüber sitzen rund 100 schmunzelnde Schwaben. Der Förderverein "Schwäbischer Dialekt" hat ein kurioses Dialekt-Duell zwischen Sauerländern und Schwaben organisiert.

Romanautor Prange spielt dabei den Ankläger. Der 59-Jährige lebt in Tübingen, kommt aber aus dem Sauerland. Im Landgericht besinnt er sich ganz auf seine Wurzeln und richtet gnadenlos über die Mund- und Lebensart der Schwaben. Schwäbisch sei kein Dialekt, sondern eine "chronische Erkrankung der Sprechwerkzeuge". Prange findet Schwäbisch hinterhältig und interpretationsbedürftig. "Wir Sauerländer sind hingegen weder interpretationsbedürftig noch -fähig, weil wir von morgens bis abends Pils trinken." Mit dem sauerländischen Autor Michael Martin teilt er ordentlich aus.

Martin flog für den kuriosen Gerichtstermin extra aus England ein. Der 55-Jährige zitiert Dantes "Göttliche Komödie" - natürlich auf Sauerländisch. "Dante wurde in alle Kultursprachen der Welt übersetzt. Aber es gibt keine schwäbische Ausgabe", führt er an. "Deshalb ist Schwäbisch keine Kultursprache." Punkt für die Sauerländer. Die Schwaben seien vermutlich zu geizig für die Übersetzer-Tantiemen gewesen. Nächster Treffer. Das Publikum lacht. Der Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger muss allein die Ehre der Schwaben verteidigen, kommt aber kaum zu Wort.

Der 88-Jährige kontert aber gelassen. "Diese Veranstaltung ist ein Zeichen unserer ausgeprägten Willkommenskultur." Einig sind sich die Kontrahenten dann doch in einem Punkt. "Alle Dialekte sind vom Aussterben bedroht", klagt Landtagsdirektor Hubert Wicker, der den Schwaben-Verein 2001 ins Leben rief. Ein wichtiges Kulturgut gehe verloren. Vor allem die Sauerländer machen sich Sorgen um ihre Mundart. "Hamburgisch, Kölsch, Bayerisch - fast jede Landsmannschaft hat ihren Dialekt", beschwert sich Martin. "Aber das Sauerland wird als Sprachraum nicht wahrgenommen." Für das Publikum gibt es deshalb einen Crashkurs. "Spirenzkes" (Dummheiten, Schwierigkeiten), "Pimpernellen kriegen" (Nase voll haben), "knüppeldicke" (heftig) - die Schwaben dürfen übersetzen.

Dann erzählt Martin von sauerländischen Bräuchen, dem Eier backen, Würstesingen und Fleischwurstessen im "goldenen Dreieck zwischen A44, A45 und A46". Sie rühren die Werbetrommel, es geht um Talsperren, um Trecker und um Pils, immer wieder Pils.

Ein Urteil fällt an diesem Abend trotzdem nicht im Gericht. Bei der schwäbischen Übermacht im Publikum hilft den Sauerländern das ganze Anbölken (sauerländisch: laut beschimpfen) nicht. "Kurz und gut, es sind verzweifelte Bemühungen, die Überlegenheit der Schwaben einzugestehen", sagt Prange.

Bescheiden seien die Schwaben aber trotzdem nicht. "Ist es nicht vielmehr so, dass wir Sauerländer, obwohl wir doch das Zeug dazu hätten, die Welt aus den Angeln zu heben, darauf verzichtet haben, jemals auch nur den geringsten Beitrag zum Fortschritt der Menschheit zu leisten - ist das nicht eigentlich die wahre Bescheidenheit?", fragt Prange frech. Der Schwabe Bausinger ist kaum überzeugt: "Von dieser Bescheidenheit habe ich heute Abend relativ wenig gehört."

"Woll" und "gell"

Wunsch nach Bestätigung Gerne und häufig beenden die Sauerländer ihre Sätze mit dem Wörtchen "woll". Damit möchten sie Gesagtes bekräftigen oder Bestätigung erheischen (Deutsch: "Nicht wahr?"). Die Norddeutschen sagen dazu "nech?" - die Schwaben lieben ihr "gell?".

Aufruf im Radio Doch einige Sauerländer sind sauer: Während "gell" einen

stolzen Eintrag im Duden vorweisen kann, ist "woll" im Wörterbuch nicht gelistet. "Eine himmelschreiende Ungerechtigkeit", beschwert sich etwa der aus dem Sauerland stammende Romanautor Peter Prange. Der Sender Radio MK in Iserlohn rief vor kurzem deshalb die "Woll-Woche" aus. Mit Hörer-Unterschriften wollen die Moderatoren das sauerländische Wort in die nächste Dudenausgabe bringen.

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