Kabarett Kabarettist Mathias Richling im Gespräch

Stuttgart / Gudrun Sokol 12.11.2016

Satire-Sendungen im Fernsehen, Bühnenprogramme, Bücher: Seit mehr als 40 Jahren ist der Kabarettist Mathias Richling (63) gut im Geschäft mit der Spaßmacherei. Wie viel oder wenig Schwabe in ihm und seiner Arbeit steckt, verrät er im Gespräch.

Sie sind in Waiblingen geboren, in En­dersbach im Rems-Murr-Kreis aufgewachsen und wohnen jetzt wo? Leben Sie überhaupt irgendwo? Oder sind Sie nur unterwegs?

Mathias Richling: . . . leben Sie überhaupt irgendwo? Das ist gut! Ja, natürlich bin ich viel unterwegs. Aber in Stuttgart gewissermaßen stationiert.

Wie viel Schwabe steckt noch in Ihnen?

Wahrscheinlich mehr als in einem „Erbschwaben“. Weder mein Vater noch meine Mutter stammen von hier. Aber man weiß ja, dass diejenigen, die nicht seit jeher dazugehören, oft am meisten bemüht sind, sich zu integrieren. Einer der beliebtesten Schwaben, Willy Reichert, kam zum Beispiel aus Hildesheim.

Ist es für Sie als Schwabe  leichter, einen Schwaben zu parodieren? Etwa Winfried Kretschmann mit seinem ausgeprägten Dialekt?

Nein ich kann Sachsen oder Hamburger genauso.

Haben Sie sich trotzdem gefreut, als der Oberschwabe Kretschmann 2011 Ministerpräsident geworden ist? Vielleicht auch aus politischen Gründen?

Aus politisch-persönlichen Gründen ganz gewiss. Nicht nur, weil Kretschmann die Monarchie der CDU im Land abgeschafft hat, sondern auch seiner Bürgernähe wegen. Aber beruflich muss ich mir jeden kabarettabel machen können.

Unser ehemaliger Bundespräsident Horst Köhler, EU-Kommissar Günther Oettinger, Winfried Kretschmann . . . – all sie bieten doch auch ihres Dialektes wegen geeignete Vorlagen für Sie.

Dialekte dienen als Vehikel; sie sind Stilmittel. Sie helfen aber auch, eine Distanz zur Figur zu schaffen. Die kann die Dinge viel brutaler und deutlicher sagen, eben weil sie in Dialekt verpackt sind.

Welche Voraussetzungen muss jemand haben, damit er sich besonders gut karikieren lässt?

Er muss einfach erkennbar sein beim Zuschauer – schon im Original. Ein Herr Lindner von der FDP eignet sich da zum Beispiel nicht. Erkennbarkeit und Signifikanz sind Grundvoraussetzungen für eine Parodie: Menschen mit sprachlichen Kanten wie Helmut Schmidt,  die sich übersteigern und karikieren lassen.

Sind für Sie Männer oder Frauen leichter zu parodieren?

Das macht keinen Unterschied. Eine Figur ist zu spielen, wie sie ist. Und manchmal muss man eben leiden. Ich denke oft mit großem Respekt an die Frauenwelt, die Mieder, BH, Schminke, Lippenstift, High Heels, Nylons et cetera und solche Dinge aushalten muss. Wer sich all das ausgedacht hat, muss ein großer Frauenhasser gewesen sein.

In all den Jahren kommt ganz schön was zusammen: Wie viele Figuren haben Sie denn insgesamt schon gemacht?

150? 200? Ich weiß es gar nicht genau – jedenfalls alle, die notwendig waren.

Gibt es Themen, Typen oder Figuren, die für Sie tabu sind?

Tod, Krankheit, körperliche Gebrechen oder Behinderung sind natürlich Tabu-Themen. Was die Auswahl der Figuren, ihre Darstellung und Zuspitzung angeht, muss man abwägen: Nehmen wir beispielsweise aktuell das Erstarken der Rechtspopulisten: Die Eintönigkeit und Einfältigkeit ihrer Gedanken lässt sich am besten zeigen, wenn man sie eins zu eins übernimmt. Das wäre das einfachste Mittel, um solche Menschen zu decouvrieren.  Es gibt aber natürlich auch die Überlegung: Will oder muss ich eine Frau von Storch überhaupt machen? Oder mache ich sie dadurch möglicherweise bekannter? Inwieweit unterstütze ich sie dann?

Wie reagieren Politiker auf Sie?

Unterschiedlich. Die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt zum Beispiel hat sich schon sehr amüsiert gezeigt. Und Johannes Rau war einmal richtig beleidigt und wollte, dass ich mich entschuldige – was ich natürlich nicht gemacht habe. Verwunderlich, dass er sich als Bundespräsident so dünnhäutig gezeigt hat. Die meisten Politiker wissen, dass eine Reaktion kontraproduktiv ist. Sie beherrschen die britisch-königliche Klugheit, keinen Kommentar abzugeben.

. . .  was nicht jedem gegeben ist. Til Schweiger zum Beispiel  reagiert ja bekanntermaßen sehr empfindlich auf Kritik, was Sie in einer Ihrer vielen Rollen  großartig aufzeigen. Haben Sie von ihm oder anderen Prominenten schon mal eine Rückmeldung bekommen? Alice Schwarzer? Karl Lagerfeld? Verona Pooth?

Nein, auch die halten sich zurück – falls Sie mich überhaupt anschauen.

Haben Sie schon mal richtig Ärger mit jemandem bekommen?

Naja, richtig Ärger . . . ? Doch: 1989 habe ich Johannes Paul II. gemacht. Basis war, dass der Papst die Order gegeben hatte, dass ein aidskranker Mann, der mit seiner Frau schläft, kein Kondom benutzen soll. Nach deutschem Gesetz wäre das vorsätzliche Körperverletzung mit möglicher Todesfolge. Stoiber, damals noch bayerischer Innenminister, hat mich daraufhin attackiert, wo er nur konnte. Da hat sich die CSU schwer angegriffen gefühlt.

Ist es Ihnen mit einem Auftritt oder einer Parodie schon einmal gelungen, ganz konkret etwas zu bewegen oder loszutreten?

Nein, das darf man auch nicht erwarten. Man kann vielleicht bei manchen Themen eine Formulierungshilfe geben und beim einzelnen Zuschauer etwas bewirken. Zum Beispiel dass einer  nach der Vorstellung rausgeht und sagt, dass mache ich wirklich mal anders in meinem Leben. Mehr nicht.

Das Schlimmste, was einem bayerischen Landespolitiker beim traditionellen Derblecken  auf dem Nockherberg ja passieren kann, ist, dass er dort nicht stattfindet, sagt man. Hat sich bei Ihnen schon einmal jemand beschwert, weil Sie „ihn“ oder „sie“ ­ignorieren?

Interessante Frage. Aber nein, in der Hinsicht ist mir jedenfalls noch nichts zugetragen worden.

Sie treten nun ja schon seit langem alleine auf. Würden Sie nicht einmal gerne zusammen mit anderen arbeiten – in einer Satire-Show zum Beispiel?

Würden schon, habe ich ja auch schon gemacht: beim „Scheibenwischer“ und danach beim „Satire-Gipfel“. Vor allem die Arbeit mit jungen Menschen, die manchmal eine unglaubliche Un-Kapriziosität mitbringen, fand ich bereichernd. Ansonsten muss ich sagen, ich weiß, warum ich Solist bin und gerne für mich alleine arbeite. Außerdem:  Man kann einfach nicht alles haben.

Sind Sie ein schaffiger Schwabe, ein Arbeitstier?

Ich empfinde das, was ich mache, nicht als Arbeit, ich kann ja viel selber bestimmen. Natürlich muss ich einen Vertrag, den ich unterschrieben habe, erfüllen. Ansonsten gehöre ich zu den 0,2 Prozent, die arbeiten dürfen, was sie gern möchten. Aber natürlich arbeite ich sehr viel.

Machen Sie lieber Fernsehen oder Bühne?

Das Publikum ist Kritiker und Regulativ. Auf der Bühne verändert sich die Flüssigkeit des Programms im Lauf von 20 Aufführungen. Ich merke an der Reaktion der Zuschauer, wo ich vielleicht drei Worte mehr sagen muss, bis etwas funktioniert. Oder wo ich drei Worte weglassen kann. Zusammen mit dem Publikum zu arbeiten, ist auf der Bühne unerlässlich. Wenn Sie Fernsehen machen, müssen Sie darauf achten, sich nicht zu schnell verbraten zu lassen.

In den nächsten Monaten sind Sie mit ihrem Bühnenprogramm  bundesweit unterwegs. Wo sitzt denn Ihrer Erfahrung nach das dankbarste Publikum? Und sind die Schwaben schwerer auf Touren zu bringen als beispielsweise die Rheinländer?

Nein, die Globalisierung hat sich auch im Publikum durchgesetzt. Schauen Sie doch mal, wie viele Schwaben allein in Berlin leben.

Zur Person

Karriere Mathias Richling (Jahrgang 1953) hat Literatur, Geschichte, Musik und Theaterwissenschaften studiert und stand schon mit Anfang 20 als Kabarettist auf der Bühne. Einem größeren Publikum bekannt wurde er mit diversen Satire-Sendungen im Fernsehen („Jetzt schlägt’s Richling“, „Zwerch trifft Fell“,  Auftritte im „Scheibenwischer“). Seit Anfang Oktober tourt der mit zahlreichen Kleinkunstpreisen ausgezeichnete Künstler mit seinem Bühnenprogramm „Richling spielt Richling“ durch die Republik. Als Hobbys nennt er Fotografie und Musik; ansonsten gibt er über sein Privatleben nichts preis. sok

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