Was hat Heinz Seidenberger an jenem 6. August 1953 Angst ausgestanden! Polizisten erschienen in der Schule in Bisingen (heute Zollernalbkreis) und nahmen den damals Zehnjährigen samt seinem dreizehnjährigen Bruder Peter mit auf die Wache. Die Buben standen unter dem Verdacht, am Diebstahl der Kronjuwelen aus der Burg Hohenzollern beteiligt gewesen zu sein. Die Polizisten nahmen besonders Heinz ins Visier. Sie glaubten, durch die Lücke, durch die der Einbrecher geschlüpft war, könne nur ein kleines Kind wie Heinz durchgekommen sein.

Heute kann Heinz Seidenberger, inzwischen 69 Jahre alt und in Bisingen wohnhafter Kraftfahrer im Ruhestand, mit einem Schmunzeln das Geschehen erzählen. Damals war die Sache für ihn eine große Belastung: "Wir hatten Schuldgefühle." Obwohl die Kinder mit dem Einbruch selbst nichts zu tun hatten. Nur mittelbar.

Das war so: An einem Tag im Juli 1953 hatte sich Heinz mit seinen Brüdern Franz und Peter sowie einem weiteren Buben von Bisingen aus auf den Weg zur Burg Hohenzollern gemacht. Beim Anstieg gingen sie ein Stück quer durch den Wald. In der Nähe einer großen Kiefer sah Heinz etwas Rotes im Moos. Er zog den Gegenstand hervor, es war ein Bolzenschneider. Im Moos lag auch eine Aktentasche mit anderem Werkzeug: Hammer, Beißzange, Schraubenzieher, außerdem zwei Stricke. Die Buben nahmen alles mit nach Hause.

Was für einen brisanten Fund die Buben gemacht hatten, konnten sie nicht wissen. Doch der Fund half, einen der aufregendsten Kriminalfälle des jungen Landes Baden-Württemberg aufzuklären: Der Raub der preußischen Kronjuwelen aus der Burg Hohenzollern.

Dieser Coup gelang in der Nacht zum 31. Juli 1953 einem Mann namens Paul Falk alias Paolo del Monte. Der einschlägig vorbestrafte Mann hatte den Tatort ausspioniert und in Verstecken Leitern und Werkzeug bereitgelegt. Die beiden Leitern band er zusammen und überwand damit die Nordseite der Bastei. So gelangte er in den Burghof. Mit Leichtigkeit verschaffte er sich Zugang zur Schlossküche, in der damals die Kronjuwelen des preußischen Königshauses aufbewahrt waren. Mit dem Bolzenschneider knackte Falk die Eisenstäbe und zwängte seinen Körper durch die kleine Öffnung. Später, gegenüber der Polizei, prahlte er: "Wo mein Kopf durchgeht, komme ich überall durch."

Kein Wachmann war auf der Burg, eine Alarmanlage gab es nicht. "Niemand hat damals für möglich gehalten, dass jemand so dreist sein könnte", sagt Ulrich Feldhahn, der die Kunstsammlungen des Hauses Preußen betreut.

Mit dem Hammer zertrümmerte Falk die Vitrinen und packte den Schatz in einen Zementsack. Darunter sechs mit Brillanten besetzte Tabatieren Friedrichs des Großen, ein preußischer Feldmarschallstab, ein Teller aus massivem Gold. Der Teller war als einziger von 50 übrig geblieben - Friedrich II. hatte 49 davon einschmelzen lassen, um den Siebenjährigen Krieg zu finanzieren.

Unberührt ließ Falk die Königskrone und die Tabaksdose, die Friedrich II. bei der Schlacht von Kunersdorf das Leben gerettet haben soll. "Pietät" habe ihn damals davon abgehalten, auch diese Schätze mitzunehmen, sagte Falk vor Gericht. Den Sack mit der Beute deponierte Falk am Burgberg. Er zog sich um und kam erst Wochen später wieder, um Gold und Juwelen zu holen.

Was er darauf tat, darüber kann sich Feldhahn heute noch empören. Falk zerbrach die sechs Brillant-Tabakdosen "auf barbarische Weise", um an die Steine zu kommen. Die wertvollen Endstücke des Marschallstabs schraubte er ab und schmolz sie ein, wie auch das übrige Gold. So erlitt das Haus Preußen immense materielle und ideelle Verluste. Lange tappte die Polizei im Dunkeln. Die Fahndung nach dem unbekannten "Mann im Nebel" verlief über Monate erfolglos. Der Schlüssel zur Aufklärung des Einbruchs war dann der Bolzenschneider, den Heinz Seidenberger gefunden hatte.

Der Bub war damals nicht von sich aus zur Polizei gegangen, als die Medien groß über den Einbruch berichteten. Doch seinen Mitschülern erzählte der Zehnjährige von seinem Fund im Wald. Der Lehrer in Bisingen bekam Wind davon. Heinz musste das Gerät in der Schule abliefern. Der Lehrer übergab das Handwerkszeug schließlich der Polizei.

Wie die Polizei nachträglich erfuhr, hatte Falk seinen Bolzenschneider nicht mehr gefunden. Deshalb kaufte er sich in einem Geschäft in Rottenburg unter dem Namen "del Monte" einen neuen - dort wo er auch schon den alten gekauft hatte. Heinz Seidenberger: "Das war dumm von ihm." Der alte Bolzenschneider hatte ein eingraviertes Herstellerzeichen. So ließ sich nachverfolgen, wo er verkauft worden war.

In einer Bank in Frankfurt bot eine Person eingeschmolzenes Gold zum Kauf an, das von einem del Monte stammen sollte. Ein Mann dieses Namens wohnte im Stadtteil Bornheim. Die Polizei stellte del Monte eine Falle, und am 12. März 1954 hatte sie ihn. Es war Paul Falk. Vier Monate später verurteilte das Landgericht Hechingen den Einbrecher zu sechs Jahren Zuchthaus.

Heinz Seidenberger erhielt eine Belohnung: 25 Mark. Ein bisschen wurmt es den Rentner heute noch, dass sein Lehrer damals zehnmal soviel einstreichen durfte.