Singen / ERICH NYFFENEGGER, EPD  Uhr
In der Justizvollzugsanstalt Singen ist der jüngste Häftling 62, der älteste 85 Jahre alt. Ein Gefängnis für Senioren - das ist einzigartig in Deutschland. Und könnte Schule machen in einer überalterten Gesellschaft.

Die Haare sind weiß, seine schmale Statur hält der 75-Jährige nur mit Hilfe eines Stocks einigermaßen aufrecht. Walter Becher, der in Wirklichkeit anders heißt, ist Häftling in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Singen, dem deutschlandweit einzigen Strafvollzug speziell für ältere Gefangene. Es sind Mörder, Betrüger, Sexualstraftäter, Totschläger, die hier einsitzen. Bei Becher war es eine Messerstecherei: "Jetzt bin ich hier seit zwölf Jahren." Schnell hat er Tränen in den Augen, wenn er über seine Vergangenheit spricht. Auch der altersgerechte Justizvollzug bewahrt die Gefangenen nicht vor dem Blick nach innen, vor Verantwortung und Schuld.

Wer nach Singen muss - eine Außenstelle der JVA Konstanz - und einen der 48 Haftplätze bekommt, darf nicht jünger als 58 sein. "Im Augenblick ist der Jüngste 62 und der Älteste 85", sagt Dienstleiter Thomas Maus. Das durchschnittliche Strafmaß der Gefangenen liegt bei fünf Jahren, zwei Drittel sind Ersttäter. Schon 1970 hat die damalige Landesregierung aus CDU und FDP beschlossen, in Singen ältere Gefangene unterzubringen. Ihre Zahl steigt: 1980 verzeichnete das Statistische Landesamt Baden-Württemberg 64 Häftlinge über 60, 2013 waren es schon 239.

Auf den Fluren des gut 100 Jahre alten Hauses bewegen sich die Inhaftierten außerhalb der Schließzeiten frei, von morgens um sieben bis abends um 22 Uhr. Zweimal die Woche wird Ergo-Therapie angeboten. Hinzu kommen Meditationsgruppen, Kochkurse, Backabende, Sportgruppen, Gedächtnistraining, Altengymnastik und Gesprächsrunden.

Monatlich dürfen die Gefangenen sechs statt der üblichen zwei Stunden Besuch empfangen. Im Innenhof gibt es viel Grün und einen Teich mit Goldfischen. Häftlinge sitzen auf Bänken, sie lauschen den Geräuschen, die aus Wäscherei und Werkhalle dringen. Anstaltsleiter Maus blinzelt zwischen den massiven Mauern des Innenhofs in die Sonne: "Was Sie hier sehen, das haben die Inhaftierten selber geschaffen." Angefangen hat es mit einer vergrabenen Badewanne, dann kam die Idee mit dem Teich.

Ein Gefängnis, das auf die Bedürfnisse und speziellen Nöte älterer Menschen eingeht: Ist das noch Strafe? "Knast light"? Thomas Maus verzieht das Gesicht, wenn er solche Fragen hört. "Bei allen Dingen, die wir hier anders machen als anderswo: Wir stellen nie das Leid der Opfer hinter das Wohl der Täter." Während ein Junger seine Haft mit anderer Perspektive vielleicht locker absitze, sei der Ausblick bei alten Häftlingen ein oft düsterer, sagt Maus, der seit mehr als 30 Jahren im Strafvollzug arbeitet: Was kommt danach, wenn ein Arbeitsleben keine Option mehr ist? Wer wartet draußen auf mich? "Lange Besuchszeiten haben also etwas damit zu tun, Bindungen nach draußen so gut wie möglich aufrecht zu erhalten", erklärt Maus. Und wenn das Gefängnis in Singen mit einem großen Angebot an Aktivitäten andere JVAs in den Schatten stellt, habe das mit der Notwendigkeit zu tun, die alten Menschen mobil zu halten.

Ein 65-jähriger Gefangener putzt die Teeküche im ersten Stock. "Es ist hier ruhiger als anderswo. Wenn Sie in einem normalen Knast den Häftlingen das Essen durch die Türe reingeben, fliegt es oft gleich auf der anderen Seite zum Fenster wieder raus", sagt Helmut Wandel, der in Wirklichkeit einen anderen Namen trägt. In Singen hätten sich die Männer ihre Hörner weitgehend abgestoßen.

Höchstens vor sich selbst, der eigenen Grübelei. So geht es jedenfalls Wandel. Über den Grund seiner Haft sagt er nur, es sei "etwas Schreckliches" geschehen. Etwas, das man dem Mann nicht ansieht, das aber fast körperlich spürbar wird, wenn der Atem des Gefangenen stockt, wenn die Erinnerung ihn verstummen lässt.

"Alte Menschen sind haftempfindlicher", sagt Thomas Maus über die Sehnsucht nach Ruhe, wie auch Helmut Wandel sie verspürt. "In einer herkömmlichen Haftanstalt sind die alten Häftlinge immer die Verlierer." Der Stress, die Gewalt, die permanente Angst - all das sei in Singen praktisch kein Thema. Und: "Wir hatten hier noch nie einen Ausbruch." Der Wunsch, in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden, existiert nicht. Im Gegenteil: "Wir haben für unsere Haftplätze eine Warteliste."

Der ruhige Rhythmus mache die Zeit in Unfreiheit erträglicher, sagen die Häftlinge. Die Arbeit in Küche, Wäscherei und Werkhalle, wo Dübel verpackt werden, gibt dem Tag Struktur. "Aber Gefängnis bleibt Gefängnis. Man ist eingesperrt, vergessen Sie das nicht", sagt Wandel, als er mit der inzwischen blitzblanken Teeküche fertig ist. Es riecht nach Putzmittel und kaltem Rauch.

"Unser Konzept kostet kein bisschen mehr als der übliche Strafvollzug", sagt Thomas Maus. Der Personalschlüssel sei der gleiche. "Aber wir sind kein Pflegeheim", betont er. Wer wirklich pflegebedürftig werde, der könne nicht bleiben. Er wird ins Justizvollzugskrankenhaus Hohenasperg verlegt. Das Interesse von außen ist groß. Immer wieder führt Thomas Maus Delegationen aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland durch das Haus: "Sogar Japaner waren schon da."

Wieder draußen vor der JVA Singen. Die schweren Türen fallen ins Schloss. Die Sonne wirft ihr grelles Licht auf Mauern und Gitter des Gefängnisses. Irgendwo hinter einem der vielen verriegelten Fenster steht Walter Becher, gestützt auf seinen Stock. In eineinhalb Jahren hat er seine Strafe verbüßt. Dann darf er gehen. Mit 77 Jahren.

Haftanstalten im Land

Offene Baustellen 40 Gefängnisse mit Platz für knapp 7900 Straftäter stehen in Baden-Württemberg. Dafür gibt das Land pro Jahr rund 205 Millionen Euro aus - vor allem für die Gehälter der Gefängnismitarbeiter. Die größte Haftanstalt ist die JVA in Mannheim mit knapp 700 Plätzen. Doch es gibt eine ganze Reihe von Problemen, die schon die schwarz-gelbe Landesregierung 2007 in ihrem "Haftplatzentwicklungsprogramm Justizvollzug 2015" aufgelistet hat: Denn viele Gefängnisse sind zu alt, zu klein und deshalb zu teuer. Zwei Drittel der Gebäude wurden noch vor dem Ersten Weltkrieg errichtet. Oft ist nur Platz für einige Dutzend Häftlinge. lsw