Prozess gegen Erzieher Jungen mehrere Jahre sexuell missbraucht

Der angeklagte frühere Kindergartenleiter vor Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal.
Der angeklagte frühere Kindergartenleiter vor Beginn der Verhandlung im Gerichtssaal. © Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Heilbronn / David Nau 28.08.2018

Ohne jede Regung nimmt der Angeklagte zur Kenntnis, was Staatsanwalt Joachim Müller-Kapteina über eine halbe Stunde lang laut vorträgt. Während der Staatsanwalt minutiös die 19 Taten auflistet, die dem 31-Jährigen zur Last gelegt werden, sitzt dieser aufrecht und bewegungslos auf seinem Stuhl im großen Sitzungssaal des Heilbronner Landgerichts und fokussiert einen Punkt an der Wand. Ob zu dem unscheinbaren jungen Mann im hellblauen Karo-Hemd durchdringt, was der Staatsanwalt vorträgt, ist für Außenstehende nicht zu erkennen.

Der Vorwurf: schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, Vergewaltigung und Besitz von kinderpornografischem Material. Die Taten gehen zurück bis ins Jahr 2012 und sollen sich in der Wohnung des 31-Jährigen und in einem Hotelzimmer ereignet haben. Der ehemalige Leiter einer Heilbronner Kindertagesstätte soll im dortigen Schlafzimmer einen anfangs sechsjährigen Jungen wiederholt ausgezogen und oral missbraucht haben.

In drei Fällen schlief das Opfer laut Anklage tief, diese Fälle wertet die Staatsanwaltschaft deswegen als Vergewaltigung. „Er hat sexuelle Handlungen an dem Kind vorgenommen und auch vornehmen lassen“, sagte der Staatsanwalt bei der Verlesung der Anklage. Einige Taten hielt der Angeklagte laut Staatsanwalt auch auf Video fest. Darüber ­hinaus soll der Mann auf dem Gelände eines Waldheims bei Heilbronn zwei schlafende Kinder entkleidet und dann nackt fotografiert haben.

Seit März 2018 sitzt der Mann nun in Untersuchungshaft, ins Visier der Ermittler geriet er aber bereits vor mehr als zwei Jahren. Im Februar 2016 wurde der gelernte Erzieher von der Polizei beim Tauschen von Kinderpornos erwischt. Bei einer Hausdurchsuchung fanden die Beamten mehr als 10 000 Bilder und 900 Videos, in denen zu sehen ist, wie Kinder sexuell missbraucht werden. Die Polizei bemerkte aber offenbar erst über ein Jahr später, dass der Mann in einem Kindergarten arbeitet. Von den Missbrauchsfällen ahnte damals noch niemand. Sein Anwalt Thomas Amann sagte der SÜDWEST PRESSE im April: „Mein Mandant ist durch alle Schutzsysteme geschlüpft.“ Der 31-Jährige habe „alle getäuscht“ – „die Kirche, die Familie, mich als Anwalt“. Erst bei der Sichtung des Materials auf seinem beschlagnahmten Computer fanden die Ermittler die Videos, die den Angeklagten beim Missbrauch des Jungen zeigen.

Das Interesse an dem Prozess ist groß, der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Tat hatte in Heilbronn Entsetzen ausgelöst, auch unter den Eltern, deren Kinder in den Kindergarten gingen, in dem der Angeklagte arbeitete. Wohl auch deswegen, weil der 31-Jährige in der Heilbronner Jugendarbeit nicht unbekannt war – und auch nicht unbeliebt, wie man in einem Rundbrief seiner Kirchengemeinde nachlesen kann. Darin wird er als „Erzieher mit Leib und Seele“ charakterisiert. Vor Gericht berichtet er von einem Freiwilligen Sozialen Jahr und von ehrenamtlichem Engagement in Kirchengemeinde und Jugendarbeit.

In der Kritik stand vor Pro­zessbeginn vor allem der Arbeitgeber des Angeklagten, die ­evangelische Kirche. Der für die Kindergärten zuständige Kirchenpfleger soll bereits seit Sommer 2017 von den Kinderporno-Vorwürfen gegen den Erzieher gewusst, jedoch nicht gehandelt haben. Erst nach der Anklageerhebung wegen Besitzes von Kinderpornos im Januar 2018 gab es laut Angeklagtem ein Gespräch über eine Freistellung. In der Untersuchungshaft erhielt er dann seine fristlose Kündigung. Die evangelische Landeskirche hat eine Untersuchung des Falls angekündigt.

Geständnis angekündigt

Zu den Vorwürfen nahm der Angeklagte am ersten Verhandlungstag keine Stellung. Das soll erst beim nächsten Termin Mitte September geschehen – dann wohl unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wie Richterin Eva Bezold sagte. Der Verteidiger des Angeklagten kündigte an, dass sein Mandat dann ein Geständnis ablegen wolle. Der Angeklagte wolle damit dem Opfer eine Aussage vor Gericht ersparen. Wie es dem Jungen heute geht, wollte dessen Anwältin Meike Pirkner nicht sagen. Sie scheiterte zu Beginn mit einem Antrag, die Öffentlichkeit schon vor Verlesung der Anklage auszuschließen.

Schutzkonzepte gegen Missbrauch

Dem Schutz vor sexuellem Missbrauch in Kindergärten wird nach Einschätzung des Deutschen Kinderschutzbundes zu wenig Beachtung geschenkt. „Man muss grundsätzlich weg von dem Gedanken ,Bei uns passiert so was nicht’“, sagte Vize-Präsident Christian Zainhofer. Prävention sei extrem wichtig. „Jede einzelne Einrichtung und auch Sportvereine brauchen eine Risikoanalyse und ein Schutzkonzept“, forderte Zainhofer. Laut Kinderschutzbund ist dies gesetzlich auch vorgeschrieben.  dpa

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