Tübingen Jugendliche träumen vom Abschalten

Tübingen / MADELEINE WEGNER 23.09.2016
Jugendliche leben online. Doch langsam zeichnet sich eine digitale Übersättigung ab: 14 bis 17-Jährige wollen  das Smartphone auch mal abschalten.

Nicht einmal zehn Jahre ist es her, dass Smartphones Einzug auf dem deutschen Markt gehalten haben. Die heutigen Jugendlichen bekunden – halb verständnislos, halb bewundernd – wie schwierig es früher gewesen sein muss, den Alltag ohne mobile, internetfähige Geräte zu bewältigen. Zugleich beklagen sie die Entfremdung vom „real life“. Das zeigt die aktuelle Sinus-Studie, die Co-Autor Peter Martin Thomas, auf Einladung des Tübinger Kreistags vorstellte. „Wir waren etwas überrascht, erste Anzeichen digitaler Übersättigung zu finden“, sagt Thomas. Vor vier Jahren hätten die Jugendlichen noch „alles toll“ am Leben online gefunden.

Stand in den vergangenen Jahren ein Smartphone ganz oben auf der Wunschliste, so besitzt mittlerweile fast jeder Jugendliche ein Handy. Auch gibt es aus ihrer Sicht genügend soziale Online-Netzwerke, wobei Whatsapp und Instagram mittlerweile die Plattform Facebook abgelöst haben. Für die 14- bis 17-Jährigen rücken nun auch die negativen Aspekte in den Fokus. Ob sie mitverfolgen, was rund um die Uhr im Internet und in Netzwerken passiert – das sei längst keine freie Entscheidung mehr, so Thomas. Jugendliche fühlen sich damit auch unter Druck, empfinden das als stressig. „Sie fangen an, vom Abschalten zu träumen“, sagt Thomas.

Sie entwickeln eine Kindheitsnostalgie, in der es keine Smartphones gibt. Miteinander reden und Zeit zusammen zu verbringen: Sie träumen von einer Kindheit, die sie selbst so nicht erlebt haben, sich manche jedoch für ihre eigenen Kinder einmal wünschen. „Antidigitale Sozialromantik“ nennen Forscher dies.

Die Sinus-Studie zeigt auch, dass sich die Jugendlichen der Gefahren im Internet bewusst sind. „Sie haben klare Forderungen an die große Politik“, sagt Thomas. So sei aus ihrer Sicht die Regierung verantwortlich, für grundlegende Sicherheit und Datenschutz im Netz zu sorgen – sodass letztlich jeder Internetnutzer selbst entscheiden könne, welche Daten und Informationen er von sich preisgibt.