Es ist fünf vor halb elf, als Landesjägermeister Jörg Friedmann den Plenarsaal verlässt. Die Redner von CDU und FDP haben eben gesprochen und den Umgang der Regierung mit der Jägerschaft gegeißelt. Nun spricht der Grüne Reinhold Pix, aber Friedmann hat im Gebäude nebenan eine Pressekonferenz angesetzt. So sprechen kurz darauf der Landesjägermeister und der fürs Jagdgesetz zuständige grüne Minister Alexander Bonde parallel - und zielgerichtet aneinander vorbei.

Am 1. April tritt das im November 2014 von Grün-Rot im Landtag beschlossene neue Jagdgesetz in Kraft. Gestern forderten die Oppositionsparteien im Plenarsaal in einer aktuellen Debatte und rund 2500 Waidmänner auf einer Demo vor dem Gebäude erneut ein "praxisgerechtes" Gesetz. Aufhänger für den neuen Protest ist die Durchführungsverordnung (DVO) zum Gesetz. Die Plakate machen indes klar, dass es den Demonstranten um mehr als Spiegelstriche geht. "Eigenverantwortung statt Gängelung", steht auf einem Schild.

Vor der Presse wirft Friedmann Bonde vor, über die DVO "durch die Hintertür" das Gesetz verschärfen zu wollen. Die Jägerschaft lehne eine weitere Verkürzung der Jagdzeiten von Rabenvögeln genauso ab wie praxisferne Regelungen für die Kirrung. Dass Bonde dem Verband unterstellt hat, zu demonstrieren, um das Recht auf willkürlichen Abschuss von Katzen zu fordern, sei der "Gipfel der Unverfrorenheit", legt Friedmann um fünf vor zwölf - passend zum gleichlautenden Kampagnenmotto - von einem eigens aufgebauten Hochsitz vor den Demonstranten nach. Dass wildernde Katzen auf schützenswerte Vögel Jagd machten, lasse sich indes nicht "wegkuscheln". Darauf wollten die Jäger aber mit Lebendfallen, Baldrian und Abgabe der wildernden Katzen an Tierheime reagieren.

Bonde selbst spricht im Plenum von "Nachhutgefechten" und wiederholt seinen Vorwurf, der Verband habe mit dem Aufruf, Haustiere wieder abschießen zu dürfen, zu dieser Demonstration aufgerufen. Auf der Protestveranstaltung selbst schicken die Grünen Bondes Amtschef Wolfgang Reimer auf den Hochsitz. Der Minister hätte durchaus selbst gesprochen, erklärt sein Haus hinterher, aber das sei vom Jagdverband nicht vorgesehen gewesen. Sein Amtschef versucht vor den Demonstranten zu erklären, dass es normal sei, dass der erste Entwurf einer DVO erstmal nur eine Diskussionsgrundlage sei und man schon vergangene Woche mit dem Vorstand des Landesjagdverbands einige Knackpunkte geklärt habe. So werde die Jagdzeit für die Raben vom 1. August bis 20. Februar auf fast sieben Monate verlängert; und die Jagd auf die Tafelente soll nun doch weiter möglich sein. Friedmann dagegen verkauft diese Punkte als Erfolg der Demo.

Schützenhilfe erhalten die Jäger ausgerechnet von der SPD, dem Koalitionspartner der Grünen. Im ersten Entwurf der Durchführungsverordnung seien ihm auch ein paar Dinge gegen den Strich gegangen, ruft SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel den Waidmännern zu. Da habe er sich "hinters Licht geführt" gefühlt. Der per Gesetz beschlossene Kompromiss dürfe aber nicht "verwässert" werden.

Der Opposition geht das alles nicht weit genug. "Wir sind bereit, mit der SPD etwas Besseres als dieses Gesetz zu machen", macht CDU-Fraktionschef Guido Wolf den Genossen vom Hochsitz aus ein vergiftetes Angebot. Und FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke setzt noch eins drauf: Bei einem Regierungswechsel in einem Jahr "wird dieses Jagdgesetz binnen der ersten 100 Tage verschwinden".

Landtag derzeit ohne Bannmeile

Sanierungsbedingt Demonstrieren direkt vor der Landtagstür, wie es die Jäger gestern taten - das dürfte derzeit nirgends so einfach sein wie in Stuttgart. Die Sanierung des Landtagsgebäudes und der Umzug in ein Ausweichquartier am Schlossplatz ermöglichen es Demonstranten zurzeit, den Politikern besonders nah auf die Pelle zu rücken. Der Eingang des Übergangsparlaments liegt außerhalb der Bannmeile.

Regelung In Baden-Württemberg regelt das Bannmeilengesetz von 1963 den Bannkreis rund um den Landtag. Die Bannmeile schützt Mitarbeiter von gesetzgebenden Organen und auch des Bundesverfassungsgerichts etwa vor unmittelbarem politischen Druck. Für die Übergangszeit ist das Gesetz nicht geändert worden.