Bildung Islamischer Religionsunterricht: Es bleibt beim Provisorium

Lehrer Bernd Ridwan Bauknecht hält am 28.08.2012 in der Andreasschule in Bonn eine Unterrichtsstunde in islamischem Religionsunterricht. Die öffentliche Wahrnehmung des Islam in Deutschland ist weiter von Stereotypen und Feindbildern geprägt. Nach einer aktuellen repräsentativen Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach assoziierten rund 70 Prozent der Befragten mit dem Islam Fanatismus und Radikalität. Nur sieben Prozent der befragten Deutschen verbanden den Islam mit Offenheit und Toleranz. Die radikale Splittergruppe der Salafisten, die laut Verfassungsschutz rund 3.800 Anhänger in Deutschland hat, hat das Bild der Muslime in Deutschland geprägt.
Lehrer Bernd Ridwan Bauknecht hält am 28.08.2012 in der Andreasschule in Bonn eine Unterrichtsstunde in islamischem Religionsunterricht. Die öffentliche Wahrnehmung des Islam in Deutschland ist weiter von Stereotypen und Feindbildern geprägt. Nach einer aktuellen repräsentativen Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach assoziierten rund 70 Prozent der Befragten mit dem Islam Fanatismus und Radikalität. Nur sieben Prozent der befragten Deutschen verbanden den Islam mit Offenheit und Toleranz. Die radikale Splittergruppe der Salafisten, die laut Verfassungsschutz rund 3.800 Anhänger in Deutschland hat, hat das Bild der Muslime in Deutschland geprägt. © Foto: epd
Stuttgart/Ulm / Fabian Ziehe 01.03.2017
Islamische Religionslehre gibt es im Südwesten seit 2006 nur als Modellversuch, der Weg zum Regelunterricht bleibt steinig. Und nun drohen neue Probleme.

Nichts hält ja länger als ein Provisorium. Doch in Schwäbisch Gmünd bröckelt es trotzdem – beim Islamunterricht. „Es ist jammerschade, dass wir keine Lehrer mehr dafür haben“, sagt die kommissarische Leiterin der Rauchbeinschule, Ulrike Müller. Seit sieben Jahren läuft an der Grund- und Werkrealschule das Modellprojekt Islamischer Religionsunterricht (IRU). Nun sind alle Lehrerinnen verhindert – Elternzeit, neue Aufgaben, das Übliche. Und es findet sich kein Ersatz.

Die Rauchbeinschule ist kein Einzelfall. „Die Nachfrage nach ausgebildeten Lehrkräften [...] übersteigt bei weitem die vorhandenen Bewerberzahlen“, schreibt das Kultusministerium als Antwort auf eine kleine Anfrage der FDP. „Der Bedarf bei den Schülern ist riesengroß“, erklärt Müller; pro Jahrgangsstufe zähle man 25 bis 30 Kinder. Doch auch auf eine schulscharf ausgeschriebenen Stelle fand sich kein Lehrer.

Vielleicht zieht es Absolventen der Pädagogischen Hochschulen (PH) eher in Ballungsräume. Gewiss herscht allgemein Lehrermangel. Es mag aber auch daran liegen, dass zu wenige islamische Theologie auf Lehramt studieren. Mögen die Jobaussichten auch gut sein: Was wird aus IRU? Wer bestimmt künftig, wo’s langgeht?

Zielmarke erneut gerissen

Diese Fragen kann keiner beantworten. Klar ist: Die schon oft verschobene Zielmarke für IRU als Regelunterricht ist wieder gerissen: Der Projektbeirat aus Theologen und Pädagogen, der seit November 2015 für das Kultusministerium den Prozess voranbringen soll, kam bei einer Tagung im Januar zum Schluss: kein Regelunterricht ab dem Schuljahr 2018/19. Es gebe eine „große Zahl noch nicht geklärter Fragen“, so das Ministerium.

Dabei unterstützen Grüne, CDU, SPD und FDP das Vorhaben – und auch die Kirchen. Seit 2006 läuft das Modellprojekt, erst an zwölf Grundschulen, nun schon an 93 Standorten, auch drei Gymnasien. Es gibt sogar Bildungspläne. Doch bleiben Probleme – etwa die Frage, ob es sich bei den sunnitischen Verbänden, die den Unterricht tragen wollen, um Religionsgemeinschaften handelt. Staats- und Kultusministerium hatten appelliert, dass sie einen Dachverband als einheitlichen Ansprechpartner bilden. Die Verbände waren nur zu einer Kooperation untereinander bereit.

Der größte am Projektrat beteiligte Verband ist Ditib (Islamische Union der Anstalt für Religion), der  mit der türkischen Religionsbehörde verbandet ist. Der Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) vertritt einen mystisch geprägten Islam. Die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGBW) besteht auch aus aus Milli-Görüs-Gemeinden. Vierter im Bund ist die Islamische Gemeinschaft der Bosniaken (IGBD).

Noch unter Grün-Rot hatte die IGBW für Debatten gesorgt, da Milli Görüs vom Verfassungsschutz als Vertreter eines „legalistsichen Islamismus“ beobachtet wird. Nun macht Ditib Schlagzeilen: Einige Imame sollen nach dem Putschversuch in der Türkei Mitglieder der Gülen-Bewegung an Ankaras verraten haben. Ditib hat Fälle eingeräumt, spricht von Fehlern einzelner Imame. Die Bundesanwaltschaft ermittelt.

„Das Kultusministerium verfolgt die aktuelle Diskussion und die Entwicklungen in anderen Bundesländern in Bezug auf Ditib aufmerksam“, sagt eine Sprecherin. Solange ermittelt wird, dürfe man sich zu Details nicht äußern. Jedenfalls habe man gegenüber Ditib die Vorwürfe „offensiv angesprochen“ und klar gemacht, dass die „Zusammenarbeit hierdurch belastet wird“.

Bei möglichen Konsequenzen wird das Ministerium deutlich: „Der weitere Fortgang [...] kann Auswirkungen auf die Frage haben, ob Ditib weiterhin als Partner der Landesregierung, etwa hinsichtlich der Einführung des islamischen Religionsunterrichts in Baden-Württemberg, in Betracht kommt.“ Und das, obwohl Ministerin Susanne Eisemann (CDU) den Dialog mit den Islamverbänden und regulären Islamunterricht klar befürwortet.

Der Ditib-Landesverband selber war trotz vieler Versuche nicht zu erreichen. Vorsitzender Erdinc Altuntas hatte gegenüber der „Heilbronner Stimme“ erklärt, dass im Falle des Landesverbands Spitzelvorwürfe „haltlos“ seien. „Wir sind eine Religionsgemeinschaft und kein Nachrichtendienst.“ Dennoch, so ist aus informierten Kreisen zu hören, belasten die Verwicklungen die IRU-Pädagogen. Mancher Lehrer seien aufgefordert worden, sich zu erklären – mag er auch mit Ditib nichts zu tun haben.

Um so mehr würden manche junge Theologen nun gerne wissen, wem gegenüber sie später einmal verantwortlich sind. Wird eine islamische Lehrerlaubnis (Idschaza) von den Verbänden abhängen, vergleichbar mit der „Vocatio“ und der „Missio Canonica“ der evangelischen und der katholischen Kirche? Zumal in den Verbänden oft noch die Einwanderungs-Generationen bestimmt, deren Ansichten nicht immer deckungsgleich sind mit denen von in Deutschland sozialisierten Muslimen.

Wohlgemerkt: All die Probleme spielen im Schulalltag selten eine Rolle. In der Praxis ist IRU ein Erfolgsmodell, das muslimischen Kindern hilft, ihre Religion aus einer neutralen Position kennenzulernen. Obendrein gilt IRU als wichtiges Präventionsmittel gegen Radikalisierung. Wie weit die Wertschätzung für das Fach geht, macht Schulleiterin Müller deutlich: „Ich halte das für das gesellschaftspolitisch wichtigste Fach, das wir haben.“

Positionen der Parteien im Land

Grüne „Bei der Ausbildung islamischer Religionslehrer besteht Handlungsbedarf“, sagt der Abgeordnete Willi Halder. Gerade für das Gymnasium: Das Fach kann nur an der Uni Tübingen studiert werden. Angesichts der Absolventenzahlen ist ein flächendeckender Regelunterricht in weiter Ferne. Immerhin gibt es für islamische Theologen jetzt die Möglichkeit für einen Seiteneinstieg.

CDU Das Modellprojekt läuft schon seit 2006, dennoch müsse man der Überfügung in Regelunterricht Zeit geben, so der stellvertretende Fraktionschef Karl-Wilhelm Röhm: „Hier geht für uns Gründlichkeit eindeutig vor Schnelligkeit.“ Beim Lehrermangel dürfe ein Personal-Ausbau „nicht zu Lasten der Qualität“ gehen. Ein Schritt in die richtige Richtung sei, IRU als Mangelfach zu erklären – das ermöglicht schulscharfe Stellenausschreibungen.

SPD Die SPD fordert mehr Transparenz beim Ausbau von IRU als Regelfach. Die Regierung müsse „zeitnah“ Strukturen schaffen, um eine „flächendeckende Einführung“ zu erreichen, sagt Fraktionssprecher Martin Mendler. Auch müsse der Ausbau der Lehramtsstudienplätze, den Rot-Grün angestoßen habe, vorangetrieben werden.

FDP Der IRU-Ausbau ist „eine der derzeit wichtigsten bildungs- und integrationspolitischen Aufgaben des Landes“, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer Timm Kern. Er verweist auf eine kleinen Anfrage seiner Fraktion zu den IRU-Lehrkräften. Der Landtag solle das Thema noch im Frühjahr diskutieren. Die FDP fürchtet, dass Lehrer in andere Bundesländer abwandern. Positiv sei, dass an der Uni Tübingen die Bewerberzahlen für islamische Theologie hoch sind – das zeuge wohl vom „wachsendes Interesse“  am IRU-Lehrer-Job.

AfD Die AfD-Fraktion hat sich nicht geäußert. zie