„Freiheit“, ausgerechnet darum sollte es gehen bei der diesjährigen „multikulturelle Feier zum Fest der Werte“. Schüler des Gottlieb-Daimler-Gymnasiums in Bad Cannstatt hatten im evangelischen und katholischen Religionsunterricht sowie in Ethik die Feier vorbereitet. Seit zwei Jahren gibt es das Fest in der nahen katholischen Kirche: eine Weihnachtsfeier für alle Schüler egal welchen Glaubens.

Anfang der Woche bekamen Fanatiker davon Wind: Die rechte und islamfeindliche Homepage „Politically Incorrect“ (PI) stellte ein Foto der Einladung plus Bild der Rektorin ins Netz. Der kalkulierte und oft erprobte Empörungssturm tobte sich in der Kommentarspalte aus. Die Schule erhielt wüste Anrufe, E-Mails, Faxe. Tenor: Multi-Kulti und Islam zerstörten deutsche Traditionen und christliche Weihnachts-Kultur.

„Das hat die Schule zwei Tage ausgehalten“, sagt Clemens Homoth-Kuhs, Sprecher des Regierungspräsidiums (RP) Stuttgart, der zuständigen Schulbehörde. Dann sagte das Gymnasium am Mittwoch das Fest ab – denn Schüler könnten auf dem Weg zur Kirche belästigt werden.

Die Schule trägt aus gutem Grund den Namen des Auto-Pioniers: Das Daimler-Motorenwerk ist nur wenige hundert Meter entfernt. Sie liegt in einem Viertel mit vielen Arbeitern und Migranten, unterrichtet Schüler 23 verschiedener Nationalitäten, ist Trägerin der Plakette „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Nach den Online-Attacken schottete sich das Gymnasium zwar zunächst ab, verwies auf das Regierungspräsidium. Doch überlege die Schule schon, wie sie „Flagge zeigen“ könne, so Homoth-Kuhs.

Eine Strafanzeige gegen den unbekannten PI-Autor liegt bislang nicht vor. Es gebe auch keine Ermittlungen, sagen Staatsanwaltschaft und Polizei. „Wenn wir angefordert werden, sind wir natürlich vor Ort“, verspricht Thomas Ulmer, Sprecher des Polizeipräsidiums Stuttgart. Aus der Staatsanwaltschaft ist zu hören, dass strafrechtliche Schritte eh schwierig sind, zumal Portale wie PI die Grenzen und Graubereiche kennen. Ihre Server stehen im Ausland, ein Impressum fehlt.

„Die Zahl solcher Fälle nimmt zu“, sagt Georg Spielberg, Sprecher des Landesamts für Verfassungsschutz. „Es gibt keine systematische Beobachtung der Szene, zu der wir PI zählen – aber wir haben sie im Blick.“ Man nutze dabei offene Quellen, keine nachrichtendienstlichen Mittel. Seit 2011 beschäftigen sich das Auswertungsreferat Rechtsextremismus und -terrorismus mit dem Problem. Islamhass boomt und finde zunehmend den Weg aus dem Netz in „real existierende Ortsgruppen“, die per Demos, Infoständen und Mahnwachen Stimmung machen. Die einzige der acht Ortsgruppen im Südwesten mit eigener Homepage ist die Stuttgarter.

Außerhalb des eigenen Schutzraums wolle die Schule die Feier daher nicht stattfinden lassen. Abgeblasen ist sie aber wohl doch nicht. „Die Schule wird intern etwas machen“, sagt Homoth-Kuhs. Gegenüber der Presseagentur dpa bestätigte das gestern Nachmittag die Schulleiterin: „Für uns ist es eine Frage der Haltung.“ Man halte fest an der Idee und dem Wunsch „nach einem gemeinsamen Fest, das Raum bietet für jede und jeden“.