WM Interview: Wie Tübinger Wissenschaftler den WM-Ausgang vorhersagen

Tübingen / FABIAN ZIEHE 12.07.2014
Tübinger Forscher prognostizieren seit Jahren den Ausgang von Fußball-WMs. Dieses Jahr wagt Experte Volquart Stoy eigens für die SÜDWEST PRESSE eine Prognose über die Final-Chancen von Jogis Jungs.

Herr Stoy, Sie und ihre Kollegen haben ein Berechnungsmodell entwickelt, um WM-Turnierergebnisse vorherzusagen. Meinen Sie das ernst oder ist das nur Jux?

VOLQUART STOY: Hälfte-Hälfte: Wir versuchen in unserem Arbeitsalltag, Ergebnisse der realen Welt auf bestimmte Faktoren zurückzuführen. Warum sollte das nicht auch beim Fußball möglich sein? Hängt dort Erfolg vielleicht nicht nur von fußballerischen, sondern auch von politischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen ab? Insofern ist die grundsätzliche Frage nach Erfolgsbedingungen ernst gemeint. Aber natürlich glauben wir nicht, dass wir sicher den Weltmeister bestimmen können.

In der Studie von 2010 lagen Sie mit Ihren Prognosen verglichen mit den tatsächlichen Ergebnissen etwas daneben. Was war passiert?

STOY: Womit wir Probleme haben, ist die Vorrunde. Da sind Faktoren drin, die nicht ganz hinhauen. Ab den Finalrunden sind wir relativ gut mit unserem Modell - das ist natürlich in der vor der WM veröffentlichten Prognose nicht mehr nachjustierbar. Gut, den späteren Weltmeister Spanien hätten wir auch dann nicht so hoch eingeschätzt. Aber ansonsten hatten wir bei der Berechnung nach der Vorrunde eine Trefferquote von 75 Prozent.

Nun hat sich bei Ihrer Einschätzung zu dieser WM einiges verändert. Welche Faktoren meinen Sie?

STOY: Wir erfassen, wie erfolgreich die Teams seit 1990 waren. Anhand der Ergebnisse rechnen wir den Einfluss verschiedener Variablen aus. Wir berücksichtigen vier Faktorenbündel: Das erste sind fußballerische Variablen, da kann sich stets viel verändern. Dann politische und sozioökonomische Variablen, die sind recht stabil. Drittens geografische Variablen - die stehen fest. Als letztes zählt der Heimvorteil. Der ist gerade im fußballerischen Vergleich wichtig.

Wenn Sie die bisherigen Endrundenspiele ansehen, waren die Ergebnisse so, wie man es erwarten konnte?

STOY: Für diese WM-Finalrunde lässt sich festhalten, dass sich die Favoriten durchgesetzt haben - diese haben auch in unserem Modell die höchste Wertigkeit. Gescheitert wären wir am Halbfinale Brasilien-Deutschland. Brasilien wäre auf Basis des Modells sicher unser Weltmeister-Tipp gewesen.

Konkret zum Spiel Deutschland-Argentinien - was ergeben die fußballerischen Variablen?

STOY: Wir bewerten vier Faktoren: Die Punkte in der Fifa-Rangliste, die WM-Teilnahmen, die WM-Platzierung und der Uefa-Koeffizient, also in welcher Liga die Spieler spielen und wie stark diese zu bewerten ist. Bei allen Variablen hat Deutschland klare Vorteile.

Zu den politischen und sozioökonomischen Faktoren: Argentinien droht der Staatsbankrott - schlechte Aussichten?

STOY: Das ist zunächst richtig. Allerdings nimmt unser Modell Faktoren in den Blick, die langfristig wirken, etwa soziale Ungleichheiten. Gute wirtschaftliche Bedingungen bieten bessere Möglichkeiten, sich fußballerisch zu entwickeln.

Also Geld schießt Tore?

STOY: Beim Vereinsfußball ist das eindeutig. Bei den Nationalmannschaften wirkt das eher indirekt. So ermöglicht gute Infrastruktur etwa gute Jugendförderung. Und schlagkräftige Sponsoren eröffnen ganz andere Rahmenbedingungen.

Und was halten Sie von der Aussage, dass Demokratie Tore schießt?

STOY: Das ist interessant: Seit 1990 gab es keinen Vize- oder Weltmeister, der nicht zumindest ansatzweise demokratisch war. Autokratische Staaten scheiden meist schon in der Vorrunde aus. Ich denke aber, auf dem Niveau, auf dem die argentinische Demokratie angesiedelt ist, sollte das nicht ins Gewicht fallen.

Zum geografischen Faktor: Da sagen Sie ja, dass katholisch geprägte Länder im Vorteil sind. Ein Pluspunkt für Argentinien?

STOY: Die Variable hat kaum Einfluss in der Gewichtung, sie ist ein Faktor unter vielen. Auf die These, Katholiken kicken besser, möchte ich mich nicht festlegen lassen.

Dann nennen Sie zwei Orte, deren Nähe wichtig sein soll: Die Fußball-Heimat England und Chichén Itzá im heutigen Mexiko, das historische Zentrum der mittelamerikanischen Ballsporttradition.

STOY: Hierbei geht es um Fußballkultur. In beiden Regionen ist dieser Sport tief verankert. Mehr Begeisterung beschert ein größeres Reservoir an Spielern. Und bei diesem Aspekt geben sich Argentinien und Deutschland natürlich nichts.

Bleibt der Heimvorteil: Die Argentinier können zum Spiel einfacher anreisen. Bringt das Pluspunkte?

STOY: Unser Faktor Heimvorteil bezog sich allein auf das Gastgeberland. Natürlich zeigen die Statistiken, dass mehr eigene Fans im Stadion bessere Siegchancen bescheren. Doch die Deutschen haben gezeigt, dass ihnen der Aspekt Auswärtsspiel wenig ausmacht.

Zur Gretchenfrage: Wer gewinnt?

STOY: Unser Modell zeigt eindeutig, dass Deutschland die besseren Voraussetzungen mitbringt. Sofern alles planmäßig läuft, sollte Deutschland Weltmeister werden.

Und mit welchem Ergebnis?

STOY: Das liefern die Daten natürlich nicht. Persönlich würde ich sagen - angesichts der harmlosen Leistung Argentiniens im Halbfinale - dass Deutschland zu Null gewinnt. Ich tippe auf ein 2:0.

Wissenschaftler und Fans

Fußballpolitologen Der 29-jährige Volquart Stoy, der sich als Doktorand mit einem Thema der Sozialpolitik auseinandersetzt, ist einer von sechs "Fußballpolitologen", die 2010 zur WM die Studie "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Lichtgestalten" veröffentlicht haben. 2006 gab es ein erstes solches Papier. Initiator ist Josef Schmid, Politikwissenschafter und Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der der Uni Tübingen. Foto: IfP Tübingen

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