Debatte Rassismus-Vorwürfe: Boris Palmer im Interview

Boris Palmer im Interview
Boris Palmer im Interview © Foto: Matthias Kessler
Tübingen/Ulm / Matthias Stelzer 09.05.2018

Herr Palmer, mit welchem Gefühl denken Sie nach aktuellen Rassismus-Vorwürfen ans Forum der SÜDWEST PRESSE in Ulm? Dort nahm die Geschichte ja Ihren Anfang.

Da kommt mir ein Ausspruch meiner Mutter in den Sinn. Mein Vater war einmal wegen Sachbeschädigung vor Gericht, weil er tote Bäume am Straßenrand aus Protest umgesägt hatte. Einen dieser „Krüppel“ wollte er als Beweisstück in den Gerichtssaal mitnehmen. Das hat ihm ein Gerichtsdiener verboten und dann gab es ein Wortgefecht. Das Ende vom Lied: Vater wurde freigesprochen, weil ein toter Baum nicht mehr beschädigt werden kann. Das Gericht verurteilte ihn aber zu 1000 Euro Strafe wegen Beamtenbeleidigung. Meine Mutter hat daheim gesagt: „Du wirschd sogar no verurteilt, wenn du unschuldig bist.“

Würden Sie mit dem Wissen von heute, den dunkelhäutigen Radfahrer, der Ihnen in der Ulmer Fußgängerzone begegnete, auf einem Podium wieder in derart offensiver Art erwähnen?

Ja, das war nicht der Fehler. Verdruckst drum herumreden ist nicht die Lösung. Alle im Saal haben verstanden, dass ich als Mensch eine persönliche Verärgerung geschildert habe, die viele teilen. Ihr Chefredakteur würde doch Rassismus auf seinem Forum nicht unkommentiert gelten lassen! Mein Fehler war, mich anschließend auf Facebook in eine Debatte verwickeln zu lassen. Da habe ich im Streit einer Dauerkritikern einige Sätze entgegen geschleudert, die ich besser nicht geschrieben hätte. Vor allem den, dass ich wette, der Radler sei ein Asylbewerber gewesen.

Sie weisen die Rassismus-Vorwürfe zurück, sprechen inzwischen aber von einem „großen Fehler“. Was genau haben Sie falsch gemacht?

Selbst im Tübinger Gemeinderat und aus meiner Partei wurde ich dafür kritisiert, dass ich Menschen schwarzer Hautfarbe stigmatisiert, ausgegrenzt und einem Generalverdacht ausgesetzt hätte. Das ist das Gegenteil meiner Absicht. Ich habe also Worte gewählt, die vollkommen falsch verstanden wurden. Das darf einem Politiker nicht passieren.

Stellt die aktuelle Debatte um Ihre Wortwahl bei Flüchtlingsthemen eine Zäsur dar? Gingen Sie auch für das eigene Gefühl zu weit?

Nein. Die Wirkung meiner Worte habe ich nicht erkannt, mein Gefühl bleibt aber dasselbe: Sehr viele Menschen stören sich wie ich daran, dass einige junge Männer aus Ländern ohne Fluchtgrund die öffentlichen Plätze, Parks und Bahnhöfe unsicher machen. Das Landeskriminalamt sagt, gambische Asylbewerber haben den Drogenhandel im Land zu weiten Teilen übernommen. Das kann ich auch in Tübingen sehen und ich finde das nicht in Ordnung und dagegen will ich etwas tun. Ganz besonders damit die große Mehrheit der unbescholtenen Flüchtlinge und der lange hier lebenden Migranten nicht für diese Tunichtgute mit haften muss.

Sie nehmen für sich in Anspruch eine schweigende Mehrheit der Bevölkerung zu vertreten. Glauben Sie, dass die Stimmung jetzt gekippt ist?

Bei denjenigen, die meine Aussagen leider so verstanden haben, als würde ich die Angst vorm Schwarzen Mann verbreiten wollen, ist die Verärgerung groß. Das muss ich gerade rücken. Aber ich bin zuversichtlich, dass mir das gelingt.

In Tübingen haben Ihnen die Grünen und die SPD angedroht, die Zusammenarbeit zu kündigen. Schadet Ihre Positionierung in der Flüchtlingsdebatte jetzt dem Miteinander und der Arbeitsatmosphäre in der Stadt Tübingen?

Von einer solchen Drohung weiß ich nichts. Das fände ich auch befremdlich. Wir haben in den letzten Jahren zusammen das bundesweit beste Bauprogramm für Flüchtlinge realisiert, im Herbst startet die erste Oberstufe für Gemeinschaftsschulen, Tübingen ist landesweit spitze bei Kinderbetreuung und Klimaschutz. Solche Erfolge wirft man doch nicht wegen eines Streits um einen Satz weg. Ich werde jedenfalls unverändert offen mit dem Gemeinderat zusammen arbeiten.

Fürchten Sie, bei einer anstehenden OB-Wahl könnte Sie ein ähnliches Schicksal ereilen, wie Dieter Salomon in Freiburg?

Die steht erst 2022 an. Dieter Salomon ist nach meiner Wahrnehmung die Wohnungskrise zum Verhängnis geworden. Das ist die soziale Frage der Gegenwart. Ich werde alles daran setzen, sie in Tübingen zu lösen.

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