Dieter Bischoff war sofort zur Stelle. Er fasste den betrunkenen Randalierer, drückte ihn zu Boden, drehte ihm den Arm auf den Rücken und schloss die Handschellen. Knallhart und effektiv. Das war 2006 bei der Fußball-WM 2006 in der Ulmer Innenstadt. „Man muss immer hellwach sein“, sagt er. Ein andermal, bei einem Verkehrsunfall, war Bischoffs weiche Seite gefragt. Seine Polizeikollegen sicherten die Unfallstelle. Bischoff aber bemerkte die Frau, die zitternd auf den Beifahrersitz saß. „Kann ich etwas tun für Sie?“, fragte er. Sie ergriff seine Hand und Bischoff tröstete sie. Später habe sich die Frau telefonisch bedankt und sich wohl auch ein wenig gewundert über den fürsorglichen Polizisten.

„Ich merke oft, dass ich mit meinem Dienst richtig was bewirken kann“, sagt Bischoff. „Schade, dass unsere Einsätze in den letzten Jahren so ausgedünnt wurden.“ Der 59-jährige Sendener trägt Waffe und Uniform, er fährt Polizeiauto und hilft seinen Kollegen in Ulm, „wo es gerade klemmt“. Und doch ist seine Arbeit nur ein Hobby. Denn er ist einer von 740 Freiwilligen, die in Baden-Württemberg die 24 000 Beamten der Polizei im Dienst unterstützen.

Die Freizeitbeschäftigung der Hobbypolizisten wird erneut zum Politikum. Dabei schien das Ende des Freiwilligendienstes im Südwesten schon besiegelt. Vor allem die SPD hatte in der Regierung darauf gedrängt,  das ungeliebte Modell abzuschaffen. Ehrenamtliche wie Bischoff wurden nur noch selten gerufen, die Landesregierung verhängte einen Aufnahmestopp.

Nun aber wendet sich das Blatt: Auf Drängen der CDU will die grün-schwarze Landesregierung eine „neue Grundlage für den Einsatz von Polizeifreiwilligen schaffen“. Auf Anfrage teilt das Innenministerium mit, man arbeite an einem Konzept, das den „öffentlichen Raum noch sicherer“ machen soll. Dieses werde „zügig“ umgesetzt und dazu gehöre auch der Freiwilligendienst, da er „maßgeblich zur Transparenz der Polizeiarbeit“ beitrage und die Hauptamtlichen entlasten könne.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) reagiert empört auf diese Aussagen. Es komme einer „Bankrotterklärung“ gleich, wenn der gravierende Stellenabbau bei der Landespolizei nun „mit Hilfspolizisten aufgefangen werden soll“, erklärt der stellvertretende GdP-Landesvorsitzende Hans-Jürgen Kirstein. „Ich frage mich, warum machen wir überhaupt noch einen Einstellungstest, wenn es möglich ist, auf diese Weise Personal zu rekrutieren, um angeblich die Polizei zu stärken.“ Gerade in Zeiten der übermäßigen Terrorgefahr müsse die Polizei auf Professionalität setzen statt auf Ehrenamt. „Der Bürger muss wissen, wer ihm gegenüber berechtigt ist, Amtshandlungen anzuordnen und wer nicht.“ Bisher sind die Hilfspolizisten nur an ihren Schulterklappen zu erkennen. Statt Sterne tragen sie einfache Balken.

Bischoff hat drei Balken auf seiner Uniform. Sie stehen für seine zwölf Jahre im Dienst. Nicht ein einziges Mal habe er in dieser Zeit von Kollegen herablassende Bemerkungen gehört. Früher arbeitete er als Hausmeister in der Polizeidirektion, zudem ist er gelernter Kfz-Mechaniker und Judotrainer. Offenbar ideale Voraussetzungen für das Hobby in Uniform. „Für unseren freiwilligen Dienst suchen wir Leute mit gesundem Menschenverstand, die mit beiden Beinen im Leben stehen“, habe damals ein Polizist zu ihm gesagt und ihn angeworben. Bischoff fühlte sich geehrt und willigte ein.

In den ersten Wochen lernte er Schießen, Festnehmen, Funken und absolvierte ein Fahrtraining. Hinzu kamen Theoriestunden zur Rechtslehre. „Ich habe selbst am Abend noch gepaukt“, erzählt er. Nach zwei Wochen Theorie ging es an die Praxis: Bischoff begleitete die Verkehrspolizei, war bei Hausdurchsuchungen, Verkehrskontrollen und Großveranstaltungen dabei. Nur der Streifendienst war für die Freiwilligen einige Jahre zuvor ausgeschlossen worden – weil er als zu gefährlich erachtet wurde.

7 Euro erhält Bischoff für seine Arbeit, deutlich weniger als der gesetzliche Mindestlohn von 8,50 Euro. „Wegen Geld mach ich das nicht“, sagt er, „ich möchte einfach meinen Teil zur Polizeiarbeit beitragen.“

Doch tatsächlich spielen vor allem auch finanzielle Fragen und die Einsparungen eine entscheidende Rolle in der politischen Debatte. 

Zwar klagen die beiden großen Gewerkschaften GDP und die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) seit Jahren über finanzielle Engpässe und den Stellenabbau – über die richtige Reaktion sind sie sich jedoch uneins: Die DPolG, die Mitglied im deutschen Beamtenbund ist, begrüßt die CDU-Forderung nach einer Neuauflage des Freiwilligendienstes. „Viele polizeiliche Maßnahmen könnten heute ohne den Freiwilligen Polizeidienst nicht mehr übernommen werden“, erklärt Sven Heinz von der DPolG-Landesleitung. Die Polizei müsse „froh sein“, wenn weiterhin Freiwillige bereit sind, ehrenamtlich zu arbeiten. Jede Form der Hilfe werde „dringend benötigt“. Auch beim Streifendienst sollten wieder Freiwillige eingesetzt werden.

Welche Aufgaben Freiwillige übernehmen sollen, ist noch offen. Ein Sprecher des Innenministeriums aber stellt klar: „Die Freiwilligen werden die Arbeit der hauptamtlichen Polizistinnen und Polizisten niemals ersetzen können – sie können aber punktuell eine wichtige Entlastung sein.“

Für Dieter Bischoff endet sein Dienst in Ulm altersbedingt im nächsten Jahr, dann wird er zum letzten Mal seine Uniform anlegen – doch alles deutet darauf hin, dass sein Ehrenamt eine Renaissance erleben könnte.

Seit 1963 im Einsatz

Ehrenamt Seit 1963 gibt es den Freiwilligen Polizeidienst in Baden-Württemberg schon. Zurzeit engagieren sich rund 740 Bürger – ehrenamtlich. Rund sieben Euro erhalten sie in der Stunde für ihre Einsätze.  Im Polizeigesetz haben die Freiwilligen die  Stellung eines Polizeibeamten. In der Regel sind die Freiwilligen auch  bewaffnet.

Zukunftsmodell Die grün-rote Landesregierung hatte das Ende des Freiwilligendienstes in Baden-Württemberg bereits besiegelt. Nun hat sich die CDU in der Koalition mit der Forderung gegen die Grünen durchgesetzt, den Dienst wieder zu stärken.asp