Ein 81 Jahre alter Mann platziert am Ufer des Flüsschens Murg in Gaggenau (Kreis Rastatt) Wurst- und Fleischstückchen gespickt mit Pflanzengift. Gefressen werden die Köder zum Glück nicht. Eine Nachbarin, die in der Murg badet und den Pensionär beobachtet, warnt Spaziergänger mit Hunden vor den tödlichen Happen. 900 Euro muss der Mann am Ende seines Gerichtsverfahrens bezahlen.

Das Beispiel aus dem Jahre 2015 ist eine große Ausnahme: Nach allem, was man weiß, ist der 81-Jährige der einzige Hundehasser, der in den vergangenen Jahren in Baden-Württemberg verurteilt und bestraft wurde. Die meisten Täter hingegen werden nie ermittelt.

Doch wie oft kommen solche Fälle wirklich vor? Hier gehen die Ansichten weit auseinander. Im Jahr 2014 wurden 16 Giftköder-Fälle bei der Polizei zur Anzeige gebracht, wie Ulrich Heffner, Pressesprecher des Landeskriminalamts (LKA), berichtet. 2015 stieg die Zahl auf 35 Fälle, um dann 2016 wieder auf 30 zu sinken. Die diesjährigen Zahlen kann der Pressesprecher nicht nennen. Nur so viel: „Wir werden wohl die Anzahl von 2016 erreichen.“

Besonders ins Gewicht fällt aus polizeilicher Sicht unter anderem der Rems-Murr-Kreis mit bisher vier Giftköder-Fällen. Ein Tatverdächtiger konnte auch hier nicht gefasst werden, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Aalen sagt.

Auch im Kreis Esslingen sind in den vergangenen Jahren einige Hundehasser zu Werke. „In unserem Präsidiumsbereich – in den Landkreisen Reutlingen, Esslingen und Tübingen – sind im Jahr 2015 insgesamt 15 Fälle mit angeblichen Giftködern gemeldet worden. Bei neun davon konnte tatsächlich Gift nachgewiesen werden“, teilt Pressesprecher Christian Wörner mit. Im Jahr 2016 habe sich die Zahl auf neun Fälle reduziert, lediglich in einem Fall bestätigte sich nach den Untersuchungen der Verdacht. Die Anzahl der gemeldeten verdächtigen Fundstücke ist in diesem Jahr beim Polizeipräsidium Reutlingen bislang rückläufig. Dennoch räumt auch hier der Sprecher ein: „In keinem der genannten Fälle führten die Ermittlungen zu einem Tatverdächtigen.“

Halter setzen auf Selbstschutz

Hundehaltern bleibt ohnehin oft nur der Selbstschutz. Sie setzen auf das Prinzip Vorwarnung – und dabei vor allem auf das Internet und soziale Netzwerke. Beinahe jede Stadt oder jeder Kreis hat eine Facebook-Seite mit dem Namen „Giftköder-Alarm“. Die größte Seite heißt Giftköder-Radar.com und hat etwa 180 000 Abonnenten. Dort blickt man auf eine Deutschlandkarte mit Markierungen, wo Gift- oder Nagelköder gefunden wurden.

Die Seite wurde von Amalia und Sascha Schoppengerd aus Reutte in Tirol ins Netz gestellt. Weil es im Internet keine zentrale Infoseite dazu gab, programmierten die beiden Softwareentwickler sie selbst. Fast täglich werden hier Fälle von Giftködern gemeldet. Der Unterschied zu den amtlichen Zahlen ist immens. Denn auf der Seite kann jeder einen Vorfall melden – die Hürden, bis ein Giftköder-Fall in den polizeilichen Akten landet, sind um ein vielfaches höher.

„Es passiert nicht selten, dass uns ein Fall gemeldet wird, wir nachhaken ob dies zur Anzeige gebracht wurde und dann ein ‚Nein‘ als Antwort erhalten“, berichtet Sascha Schoppengerd. „Wir klären dann auf: Sicherlich werden 99,9 Prozent der Ermittlungen eingestellt.“ Doch am wichtigsten sei besonders eins: Dass es in den Akten steht. Nur so stimmen auch die Statistiken der Polizei mit den tatsächlichen Fällen überein.

Nachweis kostet bis zu 1000 Euro

Einfach ist es jedoch nicht immer, wie der Gründer der Internetseite im selben Zug einräumt. „Manch Polizeibeamter verlangt von den Tierhaltern erst einen Beleg, dass der Hund tatsächlich an einem Giftköder verendet ist.“ Dieser tiermedizinische Nachweis schlage dann mit 700 bis 1000 Euro zu Buche. „Das bedeutet: Erst stirbt mein innig geliebtes Tier, und dann muss ich auch noch eine Menge Geld dafür bezahlen, um zu beweisen, dass es von Menschenhand war“, sagt Sascha Schoppengerd. „Zumal man in solchen Momenten andere Sorgen hat, als zur Polizei zu gehen“, weiß der Österreicher aus Erfahrung. Viele Betroffene gäben frustriert  auf. „Polizeibeamte bräuchten dafür eine Schulung“, fordert der Softwareentwickler.

Doch so groß Schoppengerds Liebe zu den Vierbeinern ist, ein gewisses Verständnis für Hundehasser hat er auch. „Man muss immer bedenken, dass es einen Auslöser für diesen extremen Zorn gab“, beschwichtigt er. „Es gibt nun einmal viele schlecht erzogene Hunde.“ Würde man beide Parteien genügend sensibilisieren, würde es oft gar nicht so weit kommen.

Sachbeschädigung laut Strafgesetzbuch


Regelung Tiere gelten im deutschen Strafrecht als Sachen. Wenn ein Tier also durch einen mit Gift oder anderen gefährlichen Gegenständen wie Rasierklingen oder Glassplittern präparierten Köder verletzt oder sogar getötet wird, gilt das nach Paragraph 303 des Strafgesetzbuches als Sachbeschädigung. Sie kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit einer Geldstrafe bestraft werden. Zudem liegt ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, Paragraph 17, vor. tk