Abbau Im Steinbruch Schönbuch werden Steine für das Münster gesucht

MADELEINE WEGNER 07.10.2016
Im Steinbruch im Schönbuch werden besondere Steine abgebaut. Sie dienen unter anderem den Renovierungsarbeiten am Ulmer Münster.

Er gilt als Stein der „Schwäbischen Gotik“ – denn aus Stubensandstein sind viele historische Bauwerke wie Kirchen, Schlösser und Rathäuser in Württemberg errichtet. Doch nicht nur hier: Auch für den Bau des Kölner Doms und von Schloss Neuschwanstein ließen frühere Baumeister Stein aus dem Schwäbischen anliefern.

Auch heute ist hochwertiger Stubensandstein aus dem Land wieder stark gefragt – zur Restaurierung denkmalgeschützter Bauwerke. Doch der Stein wird längst nicht mehr abgebaut. Früher gab es im Schönbuch zahlreiche, teils beachtliche Steinbrüche. „Heute gibt es keinen einzigen mehr“, sagt Wolfgang Werner vom Landesamt für Geologie, Rohstoffe und Bergbau in Freiburg. Die früheren Brüche sind heute aufgefüllt oder überbaut. Woher also hochwertiges Originalgestein wie Eisensandstein und Schlaitdorfer oder Dettenhauser Stubensandstein nehmen?

Vor acht Jahren hatte das Ulmer Münsterbauamt den Auftrag gegeben, nach möglichen Abbaugebieten für Schlaitdorfer Stubensandstein zu suchen. Dies entpuppte sich als schwierig. Zunächst ließ das Landesamt für Geologie Gesteinsproben aus einem Bruch nahe Filderstadt  untersuchen: Ist das Material druckfest und frostbeständig? Die Ergebnisse waren positiv. Doch entschied sich die Gemeinde nach anfänglicher Unterstützung gegen einen Steinbruch. „Das ist ein grundsätzliches Problem“, sagt Werner. „Die Leute haben gern den Rohstoff, wollen aber keinen Steinbruch in der Nähe.“

Ein neues Areal musste gesucht werden. Mehr als ein Dutzend Kernbohrungen ließ das Landesamt auf der Gemarkung Waldenbuch machen. Und tatsächlich: Im Erdreich verbirgt sich hier in einem abgelegenen Teil des Schönbuchs eine drei bis fünf Meter mächtige Sandsteinschicht. Auch der Probenabbau bestätigte, dass es sich um gutes Material handelt. Doch wieder ein Rückschlag: Der Stein war hier sehr kleinteilig.

Viele Kernbohrungen

Für die Restaurierung jedoch werden große Stein-Blöcke gebraucht. 2013 ließ das Landesamt erneut bohren, nur 200 Meter entfernt vom vorherigen Probenabbau – Volltreffer: großformatiges, hochwertiges Material. Es ist bislang die kompakteste und von der Zusammensetzung her beste Stubensandsteinlagerstätte landesweit.

„Für uns ist es wichtig, dass wir strukturhomogenes Material haben“, sagt Michael Hilbert, Münsterbaumeister der Münsterbauhütte Ulm. Denn aus den Steinen fertigen die Steinmetze unter anderem sehr grazile Bauteile. In einer Kreuzblume, also einem filigranen Ornament, können bis zu 250 Arbeitsstunden stecken. „Wenn die nach einem Monat Arbeit wegen eines Materialfehlers auseinanderbricht, ist der Schaden immens“, sagt Hilbert.

Saurer Regen, Wind und Wetter, aber auch Umbauten im Laufe der Jahrhunderte, Kriegsspuren und zu eilige Instandsetzungen machen der Substanz historischer Bauwerke zu schaffen. Doch erst, wenn Konservierung und Restaurierung nicht mehr ausreichen, werden Steine tatsächlich ausgetauscht. Mittlerweile setzen Restauratoren und Denkmalschützer dabei auf bauzeitliches Originalgestein. Dies verspreche in mehrfacher Hinsicht den größten Erfolg.

Beim Ulmer Münster sei dieses „naturidentische Restaurieren“ laut Hilbert vor allem in dreierlei Hinsicht wichtig. Aus physikalischer Sicht haben unterschiedliche Gesteinsarten jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, etwa bei der Wasseraufnahme, die zu Schäden durch Frostsprengung führen kann. Und im Ulmer Münster sind seit der Grundsteinlegung 1377 immerhin zehn verschiedene Gesteinsarten verbaut. Dadurch sei das Münster „jetzt schon ein Flickenteppich“, sagt Hilbert.

Seit einem Jahr wird abgebaut

Aus chemischer Perspektive sorge vor allem der Muschelkalk für Probleme, weil der enthaltene Gips ausgespült wird und sich als harte Kruste an anderen Steinen ablagert. Schließlich gibt es noch ästhetische Gründe für die Restaurierung mit originalgetreuen Steinen: Nicht nur frisch abgebaute Steine haben unterschiedliche Farben. Die Farbverläufe verändern sich je nach Verwitterungszustand sehr unterschiedlich – die Palette reicht von gelb, grau, ocker und braun bis hin zu Rottönen. „Wenn andere Steine eingesetzt werden, wird dieser Farbverlauf nachhaltig gestört“, sagt Hilbert. Seit knapp einem Jahr wird im Schönbuch abgebaut. Schwert- und Seilsäge fressen sich durch den Stein. Bislang hat die Stuttgarter Firma Lauster rund 70 Kubikmeter Stein abgefahren. Im Vergleich zu anderen Steinbrüchen, so Unternehmens-Chef Albrecht Lauster, sei dies „ein kleiner Sandkasten“.

Abbau ist nur für Wintermonate genehmigt

Naturschutz Der Schönbuch ist Landschaftsschutzgebiet, Naturpark und FFH-Gebiet. „Einen rein kommerziellen Steinbruch hätten wir in diesem Gebiet sicher nie genehmigt“, sagt Dieter Schmidt von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Böblingen. „Aber gut, wenn es fürs Ulmer Münster ist.“ Der Abbau ist nur von Oktober bis Februar zugelassen – um Tiere wie brütende Vögel und hier jagende Fledermäuse zu schützen.