Tübingen / MADELEINE WEGNER  Uhr
Im Naturpark Schönbuch leben noch seltene und bedrohte Tierarten. Das Projekt "Natura 2000" soll dafür sorgen, dass das so bleibt. Nicht mit Verboten: Besucher und Anwohner sollen freiwillig mitmachen.

Mit seinen bewaldeten Hochflächen, kleinen Tälern, Streuobst- und Magerwiesen bietet der Schönbuch bedrohten Tierarten wie Halsbandschnäpper, Mopsfledermaus und Haarstrangeule wertvolle Lebensräume. 150 Quadratkilometer groß ist der Schönbuch, er erstreckt sich über die Kreise Tübingen, Reutlingen, Böblingen und Esslingen.

Wie viele der seltenen Tierarten es im Schönbuch genau gibt, haben Biologen in den vergangenen Jahren für das Projekt "Natura 2000" untersucht und detailliert kartiert. Das Projekt steht für ein europäisches Netz aus zusammenhängenden Schutzgebieten. Welche Gebiete für dieses Netz geeignet sind, bestimmen zwei gesetzliche Richtlinien: die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH) und die Vogelschutzrichtlinie. Sie listen Arten und Lebensraumtypen auf, die besonders schützenswert sind.

90 Vogelschutzgebiete und 275 FFH-Gebiete haben Experten im Schönbuch ausgewiesen, das sind 17 Prozent der Fläche. "Der Schönbuch ist vermutlich das FFH-Gebiet mit den meisten Lebensraumtypen und Arten im Land", sagt der Biologe Wolfgang Herter vom Institut für Naturschutzfachplanung. Die Haarstrangeule, ein vom Aussterben bedrohter Nachtfalter, Orchideen oder die stark gefährdete Floh-Segge, ein Sauergrasgewächs, gibt es auf den Magerwiesen. Herter und seine Kollegen haben jede einzelne dieser Wiesen erfasst. Die Bechsteinfledermaus oder Vögel wie Wendehals und Halsbandschnäpper sind in alten Bäumen mit Höhlen zu Hause, der Hirschkäfer braucht Totholz, um seine Eier abzulegen. Für diese Tiere ist der Schutz von Streuobstwiesen mit altem Baumbestand wichtig.

Problematisch ist es, wenn einst genutzte Flächen längere Zeit sich selbst überlassen werden, die Obstbäume nicht beschnitten werden, die Wiese zu selten oder aber zu früh im Jahr gemäht wird und das geschnittene Gras liegen bleibt. Schäden können aber auch durch "ungeregeltes Mountainbiking" entstehen, so Herter, und sich Erosionsrinnen bilden.

Ziele und Empfehlungen für Schutzmaßnahmen sind in einem Managementplan aufgeführt. Er sieht vor: Der jetzige Zustand und die jeweilige Nutzung von Flächen darf sich nicht verschlechtern. Bei neuen Vorhaben fällt unter Umständen eine Verträglichkeitsprüfung an. Für die Umsetzung des Plans wollen Regierungspräsidium und Landratsamt mit Hilfe des Vereins Vielfalt die Grundstückseigentümer und Landbewirtschafter als Partner gewinnen. "Es geht nur gemeinsam mit der Bevölkerung", sagt Michael Bilger, Leiter der Abteilung Landwirtschaft im Landratsamt Tübingen. "Die gesetzliche Keule ist da nicht der richtige Weg."

Die Landwirte und Eigentümer in den Schutzgebieten sind zur Erhaltung des jetzigen Zustands verpflichtet. Verschiedene Fördermöglichkeiten aus Programmen wie FAKT, Landschaftspflegerichtlinie, Nachhaltige Waldwirtschaft und Umweltzulage Wald sollen dazu anspornen - auch, um die Lebensräume für die bedrohten Pflanzen und Tiere nicht nur zu erhalten, sondern zu verbessern.

Kolja Schümann vom Verein Vielfalt will auf die Betroffenen persönlich zugehen, Beratungen anbieten, über Förderungen informieren, vielleicht ein Netz aufbauen zum Verleih von Maschinen oder zur Schnittgutabholung.

"Wenn wir die Gebiete erhalten wollen, sind wir indirekt alle gefragt", sagt Bilger. So sei es beispielsweise auch wichtig, die Besitzer von Streuobstwiesen zu unterstützen und heimischen Saft zu kaufen oder Lammfleisch aus der Region statt aus Neuseeland.

Naturparks im Land

Der Kleinste Der Schönbuch ist der kleinste der sieben Naturparks in Baden-Württemberg, insgesamt liegt immerhin ein Drittel der Landesfläche in einem der Naturparks.

Schutzgebiete Deutschlandweit sind sieben Millionen Hektar als FFH- und Vogelschutzgebiete an die EU gemeldet. In Baden-Württemberg stehen 347 Gebiete mit 630.000 Hektar unter Natura 2000-Schutz. Die Fauna-Flora-Habitat-Gebiete und die Vogelschutzgebiete überlappen sich dabei teilweise.