Für Willi Rudolf war gestern ein guter Tag. "Ich hatte Eindrücke, die ich Jahrzehnte nicht mehr hatte", sagt er. Aus Anlass des "Europäischen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung" war er in seinem elektrischen Rollstuhl mit einer Gruppe Rollifahrer im Nationalpark auf dem 1000-Meter-Weg unterwegs. Der geschotterte Wanderweg unterhalb des Schliffkopfs folgt der 1000-Meter-Höhenlinie und bietet atemberaubende Ausblicke in die Rheinebene. In eineinhalb Stunden können auf ihm auch Menschen im Rollstuhl und mit Handbike den Ruhestein erreichen. Allerdings sollte bedacht werden, dass kurz vor dem Ruhestein ein Gefälle von bis zu acht Prozent zu überwinden ist.

Der Weg ist ein Beispiel dafür, dass im Nationalpark Schwarzwald auch Menschen mit Handicap die Natur genießen können. Allerdings sind die Möglichkeiten noch eingeschränkt. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern. Derzeit läuft die Bestandsaufnahme, um zu erkunden, was angepackt werden muss. "Der Nationalpark steckt noch in den Kinderschuhen", sagte Nationalpark-Leiter Wolfgang Schlund. "Wir lernen täglich dazu".

Gestern gab es für die Nationalpark-Verwaltung zum Thema Barrierefreiheit unter anderem zu lernen, dass auch Rollstuhlfahrer eine Toilette brauchen, und zwar eine ohne Treppen, Schwellen und mit breiten Türen. Die soll es im Infozentrum, das 2016 gebaut wird, auf jeden Fall geben, sagte Schlund. Sonst sieht es damit laut Willi Rudolf düster aus. Der Vorsitzende des Landesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter hat sich im Internet über Gastronomie und Hotellerie im Nationalpark erkundigt - und kaum ein Haus gefunden, das behindertengerecht ausgestattet ist.

"Da gibt es noch viel zu tun", sagt auch Hans-Peter Matt, Beauftragter für Barrierefreiheit und Demografie im Nationalpark. Auch er sitzt im Rollstuhl und genoss gestern die Wanderung über den 1000-Meter-Weg. Der beginnt am Parkplatz "Steinmäuerle", unterhalb des Schliffkopf-Hotels. Nach 180 fast ebenen Metern kommt eine Aussichtsplattform, die auch für Rollstuhlfahrer zugänglich ist. Doch Menschen mit Sehbehinderung oder Blinde haben nichts davon. Mischa Knebel vom Blinden- und Sehbehindertenverein Südbaden wünschte sich deshalb Führungen für Sehbehinderte, bei denen das, was es zu sehen gibt, genau beschrieben wird. Mitglieder des Gehörlosenverbands Rastatt schlugen vor, Führungen in Gebärdensprache anzubieten. Außerdem soll es Info-Tafeln geben mit Texten in einfacher Sprache, damit auch Menschen mit geistiger Behinderung sie verstehen. Dafür bot Brigitte Seidel von der Lebenshilfe Offenburg-Oberkirch ihre Hilfe an. Sie führt das "Büro für leichte Sprache".

Gerd Weimer, den Beauftragten der Landesregierung für Menschen mit Behinderungen, hat der Ehrgeiz gepackt. Er hat das Ziel, den Nationalpark in Sachen Barrierefreiheit bundesweit auf Platz eins zu bringen. "Das, was wir hier aufbauen wollen, ist bundesweit einmalig", betonte Hans-Peter Matt.

Geplant ist, ein Netz aus allen Behindertenverbänden, der Nationalpark-Verwaltung, der Gastronomie, Hotellerie und der Tourismusverbände zu knüpfen. Gelingt das, könnte Weimers Vision Wirklichkeit werden. Dafür muss nach seiner Ansicht nach aber erst noch etwas anderes geschehen: "Die Barrieren in den Köpfen müssen weg."