Weniger Herzkranke als andere Bundesländer, bessere Überlebenschancen als vor Jahren. Das sagt der aktuelle Herzbericht der Deutschen Herzstiftung über Baden-Württemberg. „Sehr gut“ stehe der Südwesten im Vergleich da, urteilt die Techniker-Krankenkasse (TK). Verbesserungsbedarf gebe es trotzdem.

75 Prozent der Herzinfarktpatienten sind 2017 innerhalb einer Stunde nach Alarmierung in einer Klinik medizinisch versorgt worden. Diese „goldene Stunde“ ist wichtig, um Schäden noch begrenzen zu können. So wurden bei 90 Prozent verengte Herzkranzgefäße per Katheder erweitert. „Diese Werte sind gut“, sagt Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung laut Mitteilung. „Sie könnten aber durch die flächendeckende Einführung eines onlinebasierten Kapazitätsnachweises weiter verbessert werden.“

Mit so einem System sei für den Rettungsdienst sofort sichtbar, welches Krankenhaus freie Kapazitäten hat. Bisher gehe oft noch wertvolle Zeit durch Telefonate verloren. „Andere Bundesländer wie Rheinland-Pfalz und Hessen sind uns in puncto Digitalisierung voraus“, sagt Vogt.

Innenministerium befürwortet den Online-Bettenabruf

Der Krankenkassenchef rennt offene Türen ein: Das Innenministerium befürworte die Einführung eines landesweiten Betten- und Kapazitätsnachweises. Die nötigen Entscheidungen in den für den Rettungsdienst zuständigen Gremien „sind eingeleitet“, sagt ein Ministeriumssprecher der SÜDWEST PRESSE.  Der Landesausschuss für den Rettungsdienst habe sich schon im vergangenen Sommer dafür ausgesprochen. Eine Unterarbeitsgruppe sei derzeit dabei, „das Nähere zur Umsetzung“ zu klären.

Notwendig sei die Implementierung einer Softwarelösung, die es Krankenhäusern und Kliniken ermöglicht, ihren jeweiligen Status online zu erfassen und zu aktualisieren. Die Angaben sollen in allen Leitstellen, Einsatzfahrzeugen und Rettungshubschraubern  sichtbar sein, sagt der Sprecher. Automatisiert soll das System dann auch den Patienten im ausgewählten Krankenhaus anmelden.

Krankenhäuser und Kliniken müssten mitwirken, Sozialministerium, Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft und Innenministerium arbeiteten eng zusammen. Wann alles unter Dach und Fach sein wird und was das kostet, ist offen. Bisher kann wertvolle Zeit verstreichen, um abzuklären, welches geeignete Krankenhaus für eine Aufnahme von Notfallpatienten zur Verfügung stehe, so das Innenministerium. Das bedeute im Einzelfall einen verspäteten Beginn der Diagnostik und Behandlung in der Notaufnahme. Telefonate von Rettungsdienstpersonal und Notärzten verzögerten auch deren Einsatzbereitschaft für neue  Notfälle. Ein  online-basiertes Nachweissystem würde dem „effektiv entgegenwirken“: Notarzt und Rettungsdienst könnten ohne Verzögerung die passende  Klinik ansteuern.

Bisher keine Meldepflicht der Krankenhäuser

Bisher existiert laut Ministerium keine generelle landesweite Meldepflicht von freien Krankenhausbetten an die Leitstellen. Nur wenn Spezialbereiche wie Herzkathederlabor oder Intensivsta­tionen zeitweise nicht zur Verfügung stehen, gibt es schon landesweite Meldungen.

„Es stimmt, dass uns da andere Bundesländer noch voraus sind“, sagt Udo Bangerter, Sprecher des DRK-Landesverbands. „Es stimmt aber nicht, dass das drastische Auswirkungen hat.“

Wer im Südwesten den Notruf 112 wählt, wird mit einer der 35 Rettungsleitstellen verbunden. Die Leitstellen sind zentral für ihre Gebiete zuständig für Disposition und Koordination von Feuerwehr, Rettungsdienst und Notarzt.

Die Rettungsleitstellen seien auch ohne Online-Abfragesystem für Klinikbetten  „nicht blind“, die Suche nach der jeweils besten Versorgungsmöglichkeit funktioniere auch so, sagt DRK-Sprecher Bangerter. Ein landesweiter online-gestützter Bettennachweis bringe aber eine bessere Übersicht und Planung, vor allem in den Randlagen der Landkreise, wenn eine geeignete Klinik im benachbarten Kreis gebraucht wird. „Da hat ein flächendeckendes Echtzeit-Nachweissystem auf alle Fälle Vorteile“, sagt Bangerter.

Informationen über Stroke Unit

Wichtig sei, dass im Land ein System zum Einsatz kommt, das nicht nur über freie Klinikbetten informiert, sondern medizinisch genauer differenziert, sagt Prof. Michael Fischer, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Südwestdeutscher Notärzte: „Für einen Patient mit Herzinfarkt braucht es beispielsweise schnell einen Kathederplatz“,  sagt Fischer, Chefarzt am Göppinger Klinikum am Eichert. Oder bei einem Schlaganfall, da sei auch eine spezialisierte Stroke Unit gefragt. Über das Online-System müssten alle aktuell verfügbaren medizinischen Hilfsmöglichkeiten abrufbar sein, dann sei es hilfreich für die Retter.

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Hessische Retter disponieren mit „Ivena“


Ivena heißt das System, mit dem in Hessen Leitstellen, Kliniken und Rettungsdienste bereits arbeiten. Das Kürzel steht für „Interdisziplinärer Versorgungsnachweis eHealth“, eine webbasierte Dispositions-Software zum Austausch über Krankenhaus-Versorgungskapazitäten in Echtzeit.

Notfallpatienten werden über Ivena im Krankenhaus angemeldet, Eintreffzeit, Diagnose und Dringlichkeit werden übermittelt. Krankenhäuser melden sich ab, wenn sie keine Notfall-Patienten aufnehmen können.

Entwickelt wurde Ivena vom Gesundheitsamt der Stadt Frankfurt am Main mit der Mainis IT-Service GmbH.