Sie kam weinend in den Gerichtssaal, und ihre Tränen versiegten nicht, während die 25-jährige Angeklagte gestern den Urteilsspruch und die Begründung von Richter Karl Heinz Münzer im Landgericht Rottweil entgegennahm: fünf Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge, wegen Misshandlung Schutzbefohlener und Verletzung der Fürsorgepflicht. Die junge Mutter hatte ihre drei Kinder über Wochen vernachlässigt, sie kaum versorgt, ihnen zu wenig zu essen und zu trinken gegeben. Zehn Tage, bevor die knapp zweijährige Maya am Pfingstsonntag 2012 an Flüssigkeitsmangel und Auszehrung starb, hatte die Mutter die Versorgung der Kinder in ihrer Wohnung in Aldingen (Kreis Tuttlingen) eingestellt. Das sah das Gericht als erwiesen an.

Die elf Sitzungstage, das Anhören von 48 Zeugen und sieben Sachverständigen haben aber auch ergeben, dass die 25-Jährige an einer "schweren psychiatrischen Störung" leidet. Sie habe aufgrund ihrer schwierigen Kindheit eine "kombinierte Persönlichkeitsstörung" entwickelt, verbunden mit einer Beziehungs-Unfähigkeit, sagte der Richter. Die Überlegung, sie aufgrund dieser Störungen in eine psychiatrische Klinik einzuweisen, sei verworfen worden. Doch sie brauche "dringend therapeutische Behandlung". Auch deshalb, weil sie in der Untersuchungshaft eine schwere Depression entwickelt hat und suizidgefährdet ist.

Nach Darstellung des Richters war die junge Frau mit der Versorgung der drei Kinder überfordert. Als sie ihren ersten Sohn auf die Welt brachte, war sie 15. Der Junge wuchs zwar in der Pflegefamilie auf, in der sie selbst groß geworden ist, doch es gab immer wieder Auseinandersetzungen mit der Pflegemutter. Als sie von einem Mann, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, zwei weitere Kinder bekam, sorgten zunächst die Eltern des Vaters für die Kleinen. Tagsüber waren sie bei der Mutter, nachts bei den Großeltern. Die Frau hatte vorgegeben, nachts arbeiten zu gehen, was nicht stimmte. In Wirklichkeit war sie mit Freunden unterwegs.

Am 21. März 2012 fand nach Angaben des Richters der letzte Hausbesuch des Jugendamts statt. "Die Wohnung war aufgeräumt." An Ostern, gut zwei Wochen später, mussten die Großeltern die Versorgung der Kinder einstellen, weil der Großvater schwer erkrankt war. Von da an nahm die Katastrophe ihren Lauf. Die junge Frau war mit der Versorgung der drei Kinder völlig überfordert, offenbar auch damit, sich Hilfe zu holen. "Sie hätte sich ans Jugendamt wenden können. Hat sie aber nicht getan", sagte der Richter.

Bis Mitte Mai war die Mutter mit ihren Kindern ständig bei Freunden unterwegs, was den Vorteil hatte, dass sie sich satt essen konnten und genügend zu trinken bekamen. Am 18. Mai habe die Frau die Versorgung der Kinder jedoch eingestellt, so der Richter. Sie habe sie in die Wohnung in Aldingen eingeschlossen und dem achtjährigen Jungen aufgetragen, sich um seine kleinen Geschwister zu kümmern. Der war damit heillos überfordert, auch deshalb, weil es in der Wohnung keine geeignete Nahrung für Kleinkinder gab. Die Mutter schaute immer nur kurz in der Wohnung vorbei, kümmerte sich aber nicht weiter um die Kinder. Der Achtjährige musste mit ansehen, wie die knapp Zweijährige immer schwächer und apathischer wurde und schließlich starb.

Darüber wurde er selbst psychisch krank. Er war monatelang in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und ist bis heute nicht in der Lage, in einer Pflegefamilie zu leben. Er ist in einer betreuten Wohngruppe untergebracht. "Ich kann ihnen nur sagen, nutzen sie die Zeit im Strafvollzug, um sich behandeln zu lassen." Das gab der Richter der immer noch weinenden Angeklagten mit auf den Weg. Da Staatsanwalt und Verteidiger das Urteil annahmen, ist es rechtskräftig.