Tübingen Hilferuf an Kultusminister

Der sportbegeisterte Moritz Groß beim Fußball: "Er kann den Alltag nicht allein meistern", sagt seine Mutter. Foto: Klaus Franke
Der sportbegeisterte Moritz Groß beim Fußball: "Er kann den Alltag nicht allein meistern", sagt seine Mutter. Foto: Klaus Franke
Tübingen / RAIMUND WEIBLE 10.07.2013
Behinderte Schüler in der Regelschule benötigen Assistenz. Doch keine Behörde will die Hilfe bezahlen, weil gesetzlich nicht geregelt. Das lässt Eltern von Inklusions-Kindern wie Martina Groß verzweifeln.

Moritz geht gern in die Geschwister-Scholl-Schule (GSS). Seit vergangenen September fährt der 14-jährige Bub mit Down-Syndrom täglich mit dem Bus die sieben Kilometer von seinem Heimatdorf Kusterdingen zu der Gemeinschaftsschule in Tübingen und besucht dort die fünfte Klasse. "Er fühlt sich dort richtig wohl", sagt seine Mutter Martina Groß. Moritz hat Freunde gefunden, und er liebt es, in die Judo-AG zu gehen und in die AG, in dem die brasilianische Kampfkunst Carpoeira geübt wird, eher ein Kampftanz, weil er ohne Körperkontakt abgeht. Judo und Carpoeira kommen seinem Bewegungsdrang entgegen.

Auch die Schulleitung freut sich "sehr über ,unseren Moritz, über seine persönlichen Fortschritte, über seinen Einfluss auf die gesamte Klasse, über gelebte Inklusion". Für fünf der 36 Wochenstunden erhielt er im Unterricht eine sonderpädagogische Betreuung. Und einer der drei städtischen Erzieher für die Klassenstufe widmete seine 18 Wochenstunden fast ausschließlich Moritz.

"Er kann den Alltag nicht allein meistern", sagt Martina Groß, "er braucht jemand, der ihn betreut. Auch in den Pausen." Doch diese von der Stadt finanzierte Extrabetreuung fällt in der sechsten Klasse weg. Was die sonderpädagogische Förderung angeht, befürchtet die Schule, dass die Stundenzahl reduziert wird.

Daher kann Moritz nach derzeitigem Stand im kommenden Schuljahr nicht mehr in die GSS gehen. Falls keine Lösung gefunden wird, wird er erstmals eine Förderschule für geistig Behinderte besuchen müssen. Zuvor war er einer integrativen Außenklasse der Kirnbachschule Pfrondorf in der Grund- und Hauptschule Kusterdingen, also an seinem Wohnort.

Bereits Ende November 2012 haben die Eltern beim Landratsamt Tübingen eine Schulbegleitung für den gesamten Schulalltag beantragt. Im März erteilte die Behörde eine Absage. Die Abteilung Soziales verwies darauf, dass das Staatliche Schulamt dafür zuständig sei, die Schulbegleitung zu finanzieren. Das Schulamt wiederum sieht sich außerstande, eine Schulbegleitung zu finanzieren, denn hierfür stehe ihm keine Mittel zur Verfügung.

Gegen den Bescheid des Landratsamts haben die Eltern Widerspruch eingelegt, über den noch nicht entschieden ist.

Die Unsicherheit belastet Martina Groß. Kurz vor den Schulferien weiß sie nicht, wie es mit ihrem Kind weitergeht. Mit großer Geste hat sich die neue Landesregierung für die Inklusion stark gemacht. Und jetzt steht diese Inklusionspolitik auf dem Prüfstand. In ihrer Not hat sich Martina Groß direkt an Kultusminister Andreas Stoch gewandt. Sie beklagt sich darin, dass hier ein Zuständigkeitsstreit auf dem Rücken des schwächsten Gliedes ausgetragen wird.

"Die grün-rote Regierung im Land", schreibt Martina Groß, "hat uns Hoffnung gegeben, unseren Moritz inklusiv am Leben teilnehmen zu lassen." Sie bittet ihn, rechtzeitig eine Lösung zu finden. Eingeschaltet hat sich bereits der Landesbehindertenbeauftragte Gerd Weimer. Er kennt die Problematik.

"Ich kriege täglich solche Anfragen", sagt Weimer, "das ist auf Landesebene ein großes Thema." Martina Groß: Wenn die Rahmenbedingungen fehlen, "traut sich keiner mehr, sein Kind zur Inklusion zu geben."

Eine weitere Betroffene ist die Drittklässlerin Tamina Teufel an der Kreuzerfeld-Grundschule in Rottenburg. Das Mädchen mit Down-Syndrom wird in einer Regelklasse gemeinsam mit Kindern ohne Handicap unterrichtet. Auch sie braucht Hilfe bei der Inklusion. Das Landratsamt Tübingen lehnte aber die Finanzierung eines Schulassistenten ab. Nach einer Eilentscheidung verpflichtete das Landessozialgericht die Behörde, für 17 Wochenstunden eine sonderpädagogisch ausgebildete Assistentin zu stellen. Das Sozialgericht Reutlingen bestätigte die Entscheidung Mitte Juni im Hauptverfahren.

Inzwischen ist Bewegung in die Sache gekommen. Landrat Joachim Walter pocht zwar nach wie vor auf eine gesetzliche Regelung des Landes und dringt darauf, dass das Staatliche Schulamt die Kosten für die Inklusion übernimmt. Aber ihm ist die missliche Lage der Kinder bewusst. Daher deutet er an, sich einer vorläufigen Lösung nicht zu verschließen.

Walter will das schriftliche Urteil des Sozialgerichts im Fall Teufel noch abwarten. Danach will er im Fall Groß eine Entscheidung treffen, "um Härten zu vermeiden".

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