Archäologie Heuneburg: So lebten die Kelten vor 2000 Jahren

Herbertingen / David Nau 04.08.2018
Die Heuneburg war in der Eisenzeit eines der wichtigsten Handelszentren Europas. Heute steht ein Teil der Anlage wieder.

Klaus Haller drückt abwechselnd auf die beiden großen Blasebalge aus Ziegenfell. Der Luftstoß bringt jedes Mal die Kohlestücke in einem hellen Orange zum Glühen, Funken sprühen in die Höhe. In der aus Lehm gefertigten Feuerstelle liegt ein kleines, längliches Eisenstück in der Glut. Mit einer Zange zieht Haller das glühende Eisen heraus und legt es auf einen Block, der wie die frühe Form eines Amboss aussieht. Mit einigen kräftigen Hammerschlägen auf die Kante des Metalls formt er geschickt eine flache Messerklinge.

Auf diese Weise wurden an der Stelle, wo heute Klaus Haller steht, schon vor über 2000 Jahren Messer, Schwerter, Speerspitzen und Werkzeuge geschmiedet. Haller leitet das Freilichtmuseum Heuneburg bei Herbertingen-Hundersingen. Dort versucht er, die Zeit der Kelten, die hier zwischen 620 und 450 v. Chr. lebten, wieder auferstehen zu lassen. In einer Hose aus dicker Wolle, einem selbst genähten und selbst gefärbten Oberteil und Schuhen aus Lederriemen führt Haller aus der Schmiede heraus und auf einen Hügel.

Dort hat man einen guten Blick über die gesamte Anlage. Heute fällt es schwer, sich die Ausmaße des keltischen Fürstensitzes vorzustellen. Teilweise haben die Macher des Museums die Gebäude aus der sogenannten Hallstattzeit wieder aufgebaut – nach den originalen Grundrissen, die während der großen Ausgrabungen in den 1950er Jahren freigelegt wurden. Neben einigen Handwerker-Häusern steht auf dem Gelände wieder ein rekonstruiertes Herrenhaus sowie ein Teil der großen Lehmziegelmauer, die die Anlage rund 70 Jahre lang umrandete.

Strategisch günstige Lage

Dicht an dicht standen die Häuser von Handwerkern und Händlern hingegen in der Eisenzeit. „Zu Hochzeiten lebten hier zwischen 3000 und 5000 Menschen“, sagt der Museumsdirektor. Der Hauptteil der Anlage lag strategisch günstig auf einem Hochplateau über der Donau, umrandet von der Lehmziegelmauer. „Die war zur damaligen Zeit absolut einzigartig“, sagt Haller. Denn typisch sei diese Art der Mauer eher für den Mittelmeerraum. Nördlich der Alpen habe man eine solche Art von Ziegelwerk bisher nur bei den Ausgrabungen auf der Heuneburg gefunden. „Die Kelten waren wohlhabend und wussten gar nicht mehr, wohin mit ihrem Geld“, sagt Klaus Haller. Weil sie aber vermutlich ein Faible für den mediterranen Lebensstil hatten, ließen sie sich eine passende Mauer bauen, vermutet der Archäologe. „Sie hatten eine Schwäche für das Dolce Vita“, sagt Haller und lacht.

Doch nicht nur das. Die Mauer legt auch nahe, dass die Kelten  regen Kontakt mit Völkern aus dem Mittelmeerraum hatten und dass die Burg ein wichtiges Handelszentrum der Eisenzeit war. Bei Ausgrabungen hat man zum Beispiel feine attische Keramik aus Griechenland gefunden. Außerdem vermuten die Forscher, dass die Kelten auf der Heuneburg auch in den Sklavenhandel eingebunden waren. „Das war das am weitesten verbreitete Geschäft zur damaligen Zeit“, sagt Haller. Bernstein-Funde deuten darauf hin, dass außerdem Kontakte in den Norden, zum Beispiel an die Ostsee, bestanden.

Wichtig war die Heuneburg auch für das Umland. Rund um den Fürstensitz lebten Bauern auf kleinen Gehöften. „Das Umland wurde von den Fürsten der Heuneburg beherrscht oder zumindest kontrolliert“, sagt Klaus Haller. Dafür spreche, dass man wenige Kilometer entfernt eine Perle ausgegraben habe, die mit Werkzeugen der Burg hergestellt worden sein muss.

In der Wissenschaft ist der Ort vor allem wegen des griechischen Geschichtsschreibers Herodot bekannt. Der erwähnte im 5. Jahrhundert vor Christus die Kelten als erster in einer schriftlichen Aufzeichnung: „Die Donau entspringt bei den Kelten und der Stadt Pyrene und strömt mitten durch Europa.“ Viele Archäologen gehen davon aus, dass „Pyrene“ der griechische Name der Heuneburg war. Klaus Haller zitiert dazu gerne seinen Chef, den Landesarchäologen Dirk Krausse. Der sage immer: „Wir haben das Ortsschild noch nicht gefunden.“ Es sei aber inzwischen relativ gesichert, dass die Heuneburg wohl Pyrene genannt wurde. Damit wäre die Heuneburg der älteste schriftlich erwähnte Ort Deutschlands.

Handelswege änderten sich

Das bewahrte die stadtähnliche Siedlung hoch über der Donau jedoch nicht vor einem relativ raschen Niedergang. Nach mehreren Brandkatastrophen und anschließendem Wiederaufbau lief das Leben auf der Heuneburg langsam aus. „Die Handelsrouten und die ganze Kultur hatten sich geändert“, erklärt Museumsleiter Haller. Die Kelten seien in der späteren Zeit eher in kleinere und weiträumig verteilte Siedlungen umgezogen. Gegen 450 vor Christus wurde der Fürstensitz dann endgültig aufgegeben. „Am Ende war einfach der Lack ab.“

Reit- und Kampfvorführungen am Keltenfest

Infos Das Freilichtmuseum Heuneburg in Herbertingen-Hundersingen ist noch bis zum 31. Oktober 2018 von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Letzter Einlass ist um 16.30 Uhr. Montags ist Ruhetag.

Veranstaltung Immer wieder gibt es auf der Heuneburg Aktionstage. Am 11. und 12. August findet das Keltenfest statt. Dann zeigen Keltendarsteller Reit- und Kampfvorführungen, außerdem gibt es Mitmachaktionen wie Schmieden und Bogenschießen.

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