Verkehr Projekt gegen Falschfahrer in Lorch vorgestellt

Konstantin Berkovych pendelte jahrelang mit dem Auto. In seiner Bachelorarbeit beschäftigte er sich mit dem Falschfahren und Maßnahmen dagegen. Die werden nun bei Lorch erprobt.
Konstantin Berkovych pendelte jahrelang mit dem Auto. In seiner Bachelorarbeit beschäftigte er sich mit dem Falschfahren und Maßnahmen dagegen. Die werden nun bei Lorch erprobt. © Foto: dpa
Lorch / Kuno Staudenmaier 17.07.2017
Zwei Schilder, fünf Linien: Verkehrsminister Minister Winfried Hermann stellt im Ostalbkreis ein Pilotprojekt vor, das Frontalzusammenstöße verhindern soll.

Zwei Schilder und fünf Linien haben am Samstag für landesweites Interesse gesorgt: Es geht um ein Pilotprojekt, um Falschfahrer zurückzuhalten. Nach schweren Unfällen mit Geisterfahrern wird in Baden-Württemberg eine neue Markierung auf der Fahrbahn getestet, die Falschfahrer buchstäblich wachrütteln soll. Die nach Angaben des Verkehrsministeriums bundesweit einzigartige Erfindung soll Falschfahrer durch Rütteln und ein zusätzliches akustisches Signal alarmieren. Gemeinsam mit Erfinder Konstantin Berkovych, einem jungen Polizisten aus Sachsen, stellte Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) die Neuerung bei einer gemeinsamen Testfahrt auf der Bundesstraße 29 an der Anschlussstelle Lorch/Ost vor.

„Es gibt viele innovative Ideen, Falschfahrer stoppen zu können, aber diese Variante erscheint vielversprechend“, sagte Hermann. „Wir wollen sehen, ob sie sich bewährt und gegebenenfalls an weiteren Anschlussstellen zum Einsatz kommen kann.“

Schilder bekannt aus Österreich

Auch Norbert Barthle, Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, hält das Projekt für lobenswert. „Allein im vergangenen Jahr sind 1800 Meldungen über Falschfahrer bekannt geworden“, sagt er. Die Schilder kennen viele von österreichischen Straßen, die eingefrästen Querbalken sind neu. Mit der weißen Farbe tut sich das Ministerium noch schwer, „weil weiße Querbalken eigentlich Haltelinien markieren“, sagt Barthle.

Die Markierung besteht aus mehreren Segmenten, die bei der Überfahrt aus der falschen Richtung einen Rütteleffekt bewirken und Geräusche auslösen, aber von vorschriftsmäßig fahrenden Verkehrsteilnehmern kaum wahrgenommen werden.

Hintergrund der Erfindung Berkovychs, der inzwischen bei der Autobahnpolizei arbeitet, sind Jahre des Pendelns zwischen Jena und der Hochschule der Sächsischen Polizei in Rothenburg in der Oberlausitz. Da habe er immer wieder Warnungen vor Geisterfahrern im Radio gehört und begonnen, nach wirksamen Mitteln gegen Falschfahrer zu recherchieren. Seine Ideen verarbeitete er in einer Bachelor-Arbeit.

Im Detail sieht das so aus: Die Asphaltdecke wird über die gesamte Fahrspurbreite zwei Zentimeter tief und 70 Zentimeter breit ausgefräst. In die Vertiefung wird sogenanntes Kaltplastikmaterial gegeben. Das wird so geformt, dass Falschfahrer auf eine Kante treffen – mit den beschriebenen Folgen. Für die richtig Fahrenden fühlt sich die in ihrer Richtung leicht ansteigende Schichtauflage wie eine leichte Bodenwelle an. Die Markierungen werden in einem Abstand von 14, 7 und 3,5 Metern angebracht, sodass der Falschfahrer in immer kürzeren Intervallen gewarnt wird und – so hofft Berkovych – die Gefahrenzone so schnell wie möglich verlässt.

Nach seinen Angaben kostet die Maßnahme insgesamt 5000 Euro, darunter 3500 Euro Material- und 1500 Euro Baustellen- und Personalkosten. Den jährlichen Schaden durch Unfälle infolge von Geisterfahrten bezifferte er mit 25 Millionen Euro.

Nach Angaben des Verkehrsministeriums liegt Baden-Württemberg bei der Falschfahrer-Prävention bundesweit vorn. Bereits von 2013 an wurden alle Auf- und Abfahrten von Bundesautobahnen, autobahnähnlichen Bundesstraßen sowie Rastplätze mit Pfeilmarkierungen ausgestattet. Es handelt sich um rund 290 Anschlussstellen im Land.

Schwerer Unfall an selber Stelle im Januar

Gefahr Auf der B29 war im Januar das Auto einer 72 Jahre alten Falschfahrerin mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zusammengestoßen. Sie und der 20 Jahre alte Fahrer des anderen Autos starben. Immer wieder gab es in den vergangenen Monaten tödliche Unfälle wegen Geisterfahrern. Allein im Südwesten zählte der Verkehrswarndienst laut Innenministerium 410 entsprechende Warnmeldungen im vergangenen Jahr. Im Jahr 2015 waren es 392. dpa