Horb / DAGMAR STEPPER  Uhr
Bauchfrei und in Hotpants zur Schule? Mit ihrem Elternbrief zu "angemessener Kleidung" hat Rektorin Bianca Brissaud eine Debatte ausgelöst. Ihre Horber Schule wird von Medien belagert und im Netz beleidigt. Mit einem Kommentar von Ulrike Sosalla: Falscher Zungenschlag

Auf dem Schulhof steht ein Fernsehteam von Sat.1, drinnen wird Bianca Brissaud gerade von RTL interviewt. Sie sieht ein wenig müde aus, doch sie geht bereitwillig auf die Fragen ein. Kurze T-Shirts und Hotpants hätte es auch früher gegeben, erzählt Brissaud. Keine Erfindung der Neuzeit. Es seien Einzelfälle an der Schule. "Die Jugend hat das Recht sich gegen die Erwachsenenwelt abzugrenzen, das muss sie sogar", spricht Brissaud ins Mikrofon. "Aber es ist auch eine Frage der angemessenen Kleidung."

"Angemessene Kleidung", sind die beiden Worte, an denen sich Brissaud festhält. In einem Elternbrief hatte sie vorgeschlagen, nach den Ferien mit Schülern und Eltern eine Kleiderordnung zu erstellen. Das Ziel: An der Schule soll keine "aufreizende Kleidung" mehr geduldet werden. Bis dahin gilt die Regel: "Wer zu aufreizend gekleidet ist (zum Beispiel bauchfreies T-Shirt, Hotpants) der bekommt von der Schule ein großes T-Shirt gestellt, das er/sie bis zum Schultagsende anziehen muss."

Dass das für einen solchen Wirbel sorgen würde, hätte Brissaud nicht gedacht. "In vielen Schulen in Baden-Württemberg gibt es Kleiderordnungen und werden T-Shirts verteilt", sagt sie. Brissaud wurde es aber zum Verhängnis. Denn der Brief gelangte an die Öffentlichkeit - und erzeugte eine gigantische Medienwelle. Unter dem Hashtag #hotpantsverbot twitterte Netz-Aktivistin Anne Wizorek: "#hotpantsverbot zielt bei durchschnittlichen 30° allein auf Mädchenkleidung ab. So viel zu gesellschaftlichen Werten". Wizorek hatte 2013 eine Seximus-Debatte per Hashtag #Aufschrei entfacht. Spiegel Online, Bild, Süddeutsche, FAZ - alle berichten nun in Online-Ausgaben von der kleinen Werkrealschule in Horb-Altheim. Fernseh- und Radiosender ließen nicht lange auf sich warten, selbst ins Ausland hat es Brissaud geschafft. In den sozialen Netzwerken wurden das Verbot und die Rektorin heftig angegriffen.

Der Shitstorm hat die Rektorin kalt erwischt. "Es ist alles sehr seltsam", ringt sie um die richtigen Worte, "Ich verstehe das Theater nicht." Auch die Schülerinnen und Schüler könnten den Medienrummel nicht nachvollziehen. "Viele sagen, die sollen uns in Ruhe lassen", sagt Brissaud.

Am Montag kamen die ersten Anfragen nach Interviews. Die Rektorin wollte zuerst nicht, doch dann willigte sie ein. Sie wollte richtigstellen, worum es ihr und der Schule geht. Um angemessene Kleidung. Um ein gesundes Schulklima, bei dem sich alle wohlfühlen. Nicht nicht um Unterdrückung der Individualität. Und schon gar nicht um die Sexualisierung von Mädchen. Dieser Vorwurf tut der engagierten, emanzipierten Frau weh.

Inzwischen hat Brissaud allerdings Abstand von den Interview-Anfragen genommen. Es wurden einfach zu viel. "Gestern Morgen haben wir noch geflachst: Super jetzt fehlt nur noch die Bildzeitung. Das Lachen ist uns am Nachmittag dann vergangen, als ,Bild' vor der Türe stand." Die meisten Fernsehsender trafen allerdings kaum mehr Schüler an: Gestern galt an der Altheimer Schule ab 11 Uhr hitzefrei.

Im Laufe des Vormittags ist Brissaud dann auch nicht mehr ans Telefon gegangen. Irgendwann hat sie auch aufgehört, die Hunderten von E-Mails zu checken. Positive waren ohnehin nur wenige dabei: Brissaud wird als "mittelalterlich" angeprangert, man fordert ihren Rücktritt oder die Schulschließung. Ein Treppenwitz - denn die Werkrealschule wird wegen sinkender Schülerzahlen tatsächlich 2017 dicht gemacht. Es kamen auch Vorschläge, Burkas an der Schule einzuführen oder Schuluniformen wie zur Nazi-Zeit. Aus der rechten Szene wurde der Sachverhalt sogar mit einer vermeintlichen Islamisierung in Verbindung gebracht.

Brissaud weiß noch nicht, wie das Ganze endet. In den kommenden Tagen wird es auf jeden Fall eine Pressekonferenz mit Schulamt und Elternbeirat geben. Sie hofft, damit alle Vorwürfe vom Tisch wischen zu können. Und dass wieder Ruhe in die Schule einkehrt mit geregeltem Unterricht. Die Kleiderordnung bleibt allerdings auf dem Tisch. Der Termin nach der Sommerpause steht. Bis dahin, darauf legt Brissaud großen Wert, gibt es keine Kleidervorschriften, keinen Dresscode. "Hier wird niemand zum T-Shirt-Tragen verdonnert."

Kommentar von Ulrike Sosalla: Falscher Zungenschlag

Eine Schule untersagt ihren Schülern Hotpants und löst hitzige Debatten aus. Darüber mag man sich, je nach Standpunkt, mokieren oder empören. Doch wer in der Debatte um das Hotpants-Verbot nur den alten Konflikt zwischen Sittenstrenge und Unmoral sieht, greift zu kurz.

Das Anliegen der Schule, Standards für die Verhüllung einzelner Körperregionen durchzusetzen, ist berechtigt. Schief liegt die Werkrealschule allerdings mit der Begründung: Dort ist die Rede davon, dass "Mädchen sehr aufreizend gekleidet sind", und von bauchfreien Oberteilen und Hotpants. Damit stülpt die Schule den Jugendlichen beiderlei Geschlechts eine gefährlich einseitige Weltsicht über: Mädchen, die knappe Kleidung tragen, reizen das andere Geschlecht - und sind im Zweifel selbst schuld, wenn ein derart provozierter Mann nicht an sich halten kann. Den Jungen wiederum wird suggeriert, dass sie in ihrer wehrlosen Lüsternheit für ihren Sexualtrieb nicht mehr Verantwortung tragen als für den Kniesehnen-Reflex.

Eine Schule, die ihre Aufgabe ernst nimmt, sollte Jugendlichen bessere Argumente bieten. Gerade eine Werkrealschule, die ja auf eine Berufsausbildung vorbereitet, könnte erörtern, dass Po und Busen im Arbeitsleben - und in der Schule - bedeckt sein sollen. Und zwar schlicht aus Rücksicht auf unterschiedliche Vorstellungen von Moral und Ästhetik. Das würde dann auch für die tief sitzenden Hosen manch jungen Mannes gelten.