Ombudschaft Heimkinder: Hilfe für Junge und die Älteren

Stuttgart / Alfred Wiedemann 08.06.2018
Baden-Württemberg plant unabhängige Jugendhilfe-Anlaufstellen. Profitieren auch Ex-Heimkinder von dem neuen Angebot?

Ein paar tausend Euro ausgezahlt ans Ex-Heimkind, Beratungsstellen zum Jahresende endgültig dicht. War es das mit der Aufarbeitung von Leid, Misshandlungen und Missbrauch, die zigtausende Kinder und Jugendliche bis in die 1980er Jahre in Jugendhilfe-Einrichtungen erdulden mussten?

Anträge für den Millionenfonds, den die Bundesländer und Kirchen eingerichtet haben, um Folgeschäden zu mildern, können schon lange nicht mehr gestellt werden. Die dafür extra eingerichtete Anlaufstelle in Stuttgart stellt ihre Arbeit zum Jahresende ein. Mehr als 2400 Ratsuchenden wurde hier geholfen. Stehen sie bald ohne Unterstützung da? „Das wäre der nächste Schlag für die ehemaligen Heimkinder“, sagt Heidelore Rampp. „Die Mehrzahl wäre dafür, dass es weitergeht mit der Anlaufstelle.“

Die Stuttgarterin, die ihr Vater als Kind nach dem Tod ihrer Mutter ins Heim abgeschoben hat, engagiert sich im Beirat für die Beratungsstelle. Sie wirbt dafür, dass die in Baden-Württemberg geplante „Ombudschaft Jugendhilfe“ nicht nur Kindern, Jugendlichen und Eltern offen steht, wenn es um Rechtsansprüche in Sachen Kinder- und Jugendhilfe geht, etwa bei Konflikten mit Heim, Eltern oder Jugendamt. Auch frühere Heimkinder sollen kommen können, wenn es um die Bewältigung ihrer vor Jahrzehnten erlittenen Leiden geht.

„Ich habe Schlimmes erlebt im Heim“, sagt Rampp. Jahrzehntelang habe sie nicht darüber geredet, die Schläge schmerzten bis heute. „Aber andere waren noch viel schlimmer dran.“ Sie habe Familie, Kinder, Enkel, sie habe einen Beruf gehabt, gearbeitet und so heute „eine Rente, die reicht“, sagt die 73-Jährige. „Andere Ex-Heimkinder konnten sich das nicht aufbauen“, weil Drangsalierungen und Traumatisierungen sie ihr ganzen Leben beschäftigen. Umso wichtiger, dass auch nach Jahrzehnten Hilfe bekommt, wer sie braucht, sagt Rampp.

Die Ombudschaft Jugendhilfe soll kommen, das ist klar. „Unterstützungsangebote für Familien sollen transparenter und leichter zugänglich werden“, sagt das Sozialministerium. Mit Kommunen und freien Trägern der Jugendhilfe wie Diakonie und Caritas  soll ein Konzept für ein landesweites unabhängiges Ombudssystem gefunden werden.

 Wie die Hilfe genau aussehen soll, ist offen. Ombudschaft kommt aus dem Schwedischen und bedeutet Treuhänder. „Aufbau und Implementierung“ solch eines Systems in der Jugendhilfe im Südwesten ist der Auftrag für Esther Peylo in Tübingen und Manuel Arnegg in Freiburg. Sie erarbeiten in einem Modellversuch der Liga für freie Wohlfahrtpflege und der Baden-Württem berg-Stiftung die Strukturen.

Kinder, Jugendliche und ihre Familien sollen sich an die Ombudsleute wenden können, wenn sie Unterstützung der Jugendhilfe wollen oder schon bekommen, sagt Peylo. „Das Angebot muss nah bei den Kindern und Jugendlichen sein“, sagt sie. Hauptamtliche und Ehrenamtliche sollen mitmachen und es sei „deutlich mehr Personal nötig“, sagt Peylo.

Die Ombudschaft Jugendhilfe bietet schon jetzt Beratung an. Das Projekt baut auf die Expertise der „Initiative Habakuk“ der freien Träger auf.  Bei den neuen Strukturen sollen öffentliche Jugendhilfe wie freie Träger ins Boot geholt werden. „Minimum sind sicher fünf Hauptamtliche, eine Fachkraft für jeden Regierungsbezirk und eine zur Koordination“, sagt Peylo. Unabhängig müssten die Stellen sein, auch nicht an Behörden angedockt, sondern vielleicht als Verein  oder beim Bürgerbeauftragten der Landesregierung. Das sei aber alles noch offen.

Weniger heimlich, mehr Heimat

Das Sozialministerium ist dafür, dass auch Ex-Heimkinder beraten werden. Für Heidelore Rampp ist das Angebot für „gewesene, jetzige und künftige Heimkinder“  nur logisch. Der Bedarf an Unterstützung sei groß: Wer hilft zum Beispiel früheren Heimkindern, wenn sie ins Altersheim müssen und wegen ihrer schrecklichen Erfahrungen „nach Jahrzehnten immer noch nicht bei geschlossener Tür schlafen können“, fragt Rampp.

Sie befürchtet, dass das Einbeziehen der ehemaligen Heimkinder noch an der Finanzierung scheitert. Das dürfe nicht passieren. Ombudschaft sei wichtig, für Heimkinder von früher und von heute : „Wo Heim draufsteht, ist immer noch viel ,heimlich’ drin. Ein Heim sollte Kindern aber ,Heimat’ bieten.“

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel