Asyl Abschiebung: Heimflug in die Fremde

Allein in Kabul: Jamshid Heydari weiß nicht, was er machen soll. In Afghanistan hat er – anders als der Rückkehrer hinter ihm – niemanden.
Allein in Kabul: Jamshid Heydari weiß nicht, was er machen soll. In Afghanistan hat er – anders als der Rückkehrer hinter ihm – niemanden. © Foto: AFP/Wakil Kohsar
Jens Sitarek 06.02.2017

Der Flieger aus Frankfurt landet am 24. Januar um kurz nach 7.30 Uhr Ortszeit auf dem Flughafen von Kabul. Es handelt sich um die zweite Sammelabschiebung von Afghanen aus Deutschland. 26 Afghanen sind an Bord, sie werden von 79 Polizisten begleitet. Einer sitzt rechts, einer links neben jedem Flüchtling. Selbst auf dem Gang zur Toilette geht ein Polizist bis zur Tür mit. Wer renitent ist, muss damit rechnen, dass er Handschellen angelegt bekommt.

Unter 26 Afghanen sind vier aus Baden-Württemberg, einer aus dem Kreis Schwäbisch Hall. Jamshid Heydari ist 28 und wohnte zuletzt in Gröningen. Gegen 13 Uhr kam die Polizei und nahm ihn mit. Viel Zeit hatte er nicht, seine Sachen einzupacken oder sich zu verabschieden.

Von Gröningen nach Kabul in nicht mal 14 Stunden. Jamshid Heydari hat erstmals seit 15 Jahren wieder afghanischen Boden unter den Füßen, er lebte vor seiner Flucht mit seiner Familie im Iran. In Deutschland stellte er 2011 einen Asylantrag. Familie hat Jamshid Heydari in Afghanistan keine, sie lebt im Iran und teilweise sogar in Deutschland.

Jetzt ist Jamshid Heydari in Kabul auf sich allein gestellt. Er fühlt sich fremd im Land. „Hier ist es ganz, ganz schlecht“, schreibt er auf Deutsch. 20 Euro bekam er mit auf den Weg für Essen und Trinken. Das ist alles. Organisierte Hilfe für Rückkehrer gibt es nicht. Vorübergehend ist Jamshid Heydari in einem Guesthouse untergekommen. Mit ihm zu chatten, ist schwierig. Zwischen Fragen und Antworten kann eine Stunde vergehen. „Sorry, ich habe zu spät geantwortet, weil hier ist nicht immer Strom.“

Als wenn es nur der Strom wäre. „Ich weiß nicht, was ich machen soll“, so Jamshid Heydari. „Ich habe Angst.“ Sie ist ständiger Begleiter. Keine Familie, keine Freunde, kein Geld, keine Arbeit, dafür Taliban und IS. Fast kein Tag vergeht ohne Explosion oder Entführung. Jamshid Heydari ist sein echter Name. Ein Pseudonym würde nichts ändern, findet er. Taliban und IS wüssten eh, dass er da ist und könnten ihn aufspüren. Zudem soll jeder von der Geschichte erfahren. Mit anderem Namen wäre es ja nicht seine Geschichte. 3638 Menschen schob das Land Baden-Württemberg 2016 ab, die Mehrheit in Balkan-Länder. Nach Afghanistan sollen vorrangig Straftäter und alleinlebende Männer zurück. Jeder Einzelfall soll sorgfältig geprüft werden.

Straftäter: nein, bestraft: ja

Der Asylantrag von Jamshid Heydari wurde 2014 abgelehnt, seitdem ist er „vollziehbar ausreisepflichtig“, wie das im Amtsdeutsch heißt. Die Rechtslage ist also klar. Die Behörden verzichteten aber zunächst auf seine Abschiebung, auch, weil keine Papiere vorhanden waren. Kürzlich stellte ihm das afgha­nische Generalkonsulat dann aber ein Pass­ersatzpapier aus.

Sieben Straftäter waren bei der zweiten Sammelabschiebung dabei. Jamshid Heydari ist kein Straftäter, bis auf Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz, die bei sehr, sehr vielen Flüchtlingen vorkommen, liegt in Deutschland und Europa nichts gegen ihn vor. Aber er fühlt sich bestraft. Warum es ausgerechnet ihn traf? Er war alleinstehend, hatte die Papiere, sein Asylantrag war abgelehnt. Aber: Niemand bewertete wohl seinen abgelehnten Antrag neu, wie dies Organisationen wie Pro Asyl fordern.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk betonte im Dezember, dass sich die Sicherheitslage in Afghanistan „noch einmal deutlich verschlechtert“ habe.  Das gesamte Staatsgebiet sei von einem „innerstaatlichen bewaffneten Konflikt“ betroffen. Trotzdem hält die Bundesregierung offiziell an ihrer Linie fest, wonach Teile Afghanistans ausreichend sicher seien. Das sieht die grün-schwarze Landesregierung in Stuttgart auch so. Die meisten Bundesländer sehen das anders.

„Das stinkt so was von zum Himmel“, findet Dieter Sudermann aus Kirchberg an der Jagst. Er sieht in Heydari ein „Bauernopfer für den Wahlkampf“. Sudermann kümmerte sich mit seiner Frau Marianne um den 28-Jährigen, beide engagieren sich im Freundeskreis Asyl. Alle zusammen feierten Weihnachten. Jamshid Heydari war integriert, er arbeitete bei einer Schweißerei. Die Familienstruktur, für ihn in Afghanistan zum Überleben nötig, hätte er nur in Deutschland.

An der grünen Basis formiert sich Protest

Auf der Mitgliederversammlung der Grünen im Kreis Schwäbisch Hall entzündete sich die Basis vor einer Woche an den Themen Asyl und Abschiebung, insbesondere ging es um den Fall des Afghanen Jamshid Heydari. Die Landtagsabgeordnete Jutta Niemann kann dessen Abschiebung nicht nachvollziehen, „doch ich habe den Hebel nicht, dagegen vorzugehen“. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, so Niemann weiter, verhalte sich „total verfassungskonform“. „Auch ich wünsche mir einen größeren Aufschrei“, schiebt der Bundestagsabgeordnete Harald Ebner nach, mit Niemann Kreisvorsitzender. Der Fall des Afghanen sei „skandalös“, findet Ebner. js/kor