Heilbronn Heilbronner Schandfleck kommt weg

Das Wollhaus-Zentrum in Heilbronn, ein umstrittenes Zeugnis der Betonarchitektur, soll Platz machen für Läden und Dienstleister. Foto: Werner Kuhnle
Das Wollhaus-Zentrum in Heilbronn, ein umstrittenes Zeugnis der Betonarchitektur, soll Platz machen für Läden und Dienstleister. Foto: Werner Kuhnle
HANS GEORG FRANK 19.09.2013
Das marode Wollhaus-Zentrum in der Heilbronner Innenstadt steht vor dem Abriss. Ein Projektentwickler plant als Ersatz für das heruntergekommene Gebäude ein Einkaufs- und Dienstleistungsgebäude.

Für Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach ist es "das scheußlichste Gebäude, das ich kenne". Als das stadtbildprägende, jetzt unerwünscht gewordene Wollhaus-Zentrum in Heilbronn 1975 eröffnet wurde, war die Begeisterung noch riesig. "Das ist eine gelungene Anlage, um die man Heilbronn in ganz Europa beneidet", jubelte der Chef des Kaufhofs als wichtigster von insgesamt rund 30 Mietern. Umgerechnete 35 Millionen Euro waren damals verbaut worden an einer Stelle, in der von 1818 bis 1905 der bedeutendste Schafwollmarkt der Region abgehalten worden war.

Der Betonkomplex mit zehn Stockwerken sei "das Beste, was es je gegeben hat", glaubte einer von 50 000 Neugierigen, die am Eröffnungstag die 15 000 Quadratmeter große Verkaufsfläche stürmten. Mit dem Wollhaus-Zentrum wollte Heilbronn den Abfluss der Kaufkraft in moderne Ladenansammlungen wie das Breuninger Land in Ludwigsburg und nach Stuttgart stoppen. Der Plan ging auf: Heilbronn erlebte einen Aufschwung als Einkaufsstadt, im neuen Wollhaus wurden in Boomzeiten über 50 von gut 400 Millionen Euro des gesamten Einzelhandels umgesetzt. Noch 1995 freute sich der damalige Oberbürgermeister Manfred Weinmann, dass die großen Erwartungen "voll und ganz" erfüllt worden seien.

Doch kurz danach begann der Niedergang. Beim 30. Geburtstag gab es 2005 kaum mehr einen Grund zum Feiern. Der Branchenmix tendierte immer stärker zu Billigläden und Allerweltsfilialen. Geschäfte in der Umgebung leiden unter der Lage auf der überwiegend als hässlich empfundenen Rückseite. Die Tiefgarage ist zur Dauerbaustelle verkommen. Am sechsgeschossigen Turm mit Büros und Arztpraxen musste ein unansehnliches Gerüst für den Halt der Platten sorgen, von denen 60 Prozent beschädigt sind. Eine komplette Sanierung des weithin sichtbaren Gebäudeteils hätte mindestens 800 000 Euro gekostet. Als der Kaufhof als Ankermieter seinen Auszug bis 2015 ankündigte, hatte die Stadtverwaltung bereits Kontakt aufgenommen mit der Firma Strabag Real Estate in Köln, jenem Investor, der auch das Einkaufszentrum "Milaneo" mit 200 Geschäften und Gaststätten im Zuge von "Stuttgart 21" baut.

Strabag habe sich mit einem "Großteil der Eigentümer" geeinigt, sagte ein Firmensprecher auf Anfrage. Mit dem Rest gebe es "intensive Gespräche". Auch wenn über Kosten und Nutzung offiziell nichts nach außen dringt, wird im Rathaus davon ausgegangen, dass ein attraktives Einkaufs- und Dienstleistungszentrum mit einer Gesamthöhe von 25 Metern und maximal vier Geschossen entstehen wird. Baubürgermeister Wilfried Hajek deutete "ein Gebäude ohne Rückseiten" an. Fertigstellung 2018, rechtzeitig zur Bundesgartenschau 2019. Der bestehende Busbahnhof, der gleichfalls nichts beiträgt zur Attraktivität der Stadt, die an allen Ecken und Enden aufgehübscht wird, soll verlegt werden. Die freiwerdende Fläche soll gleichfalls überbaut werden.

Damit entspricht Strabag den Vorstellungen von OB Himmelsbach, der sich nun von Abriss und Neubau samt zeitgemäßer Verkehrsführung positive Effekte für die Stadt an einer zentralen Stelle vorstellen kann. Eine "Pinselsanierung" lehnt er entschieden ab. Selbst für die Auswahl der Fachgeschäfte hat der modebewusste Kommunalpolitiker (67), der 2014 in den Ruhestand gehen wird, schon konkrete Wünsche: "Hochwertige Geschäfte für mittlere und ältere Kundschaft."