Heilbronn/München / HANS GEORG FRANK  Uhr
Das Oberlandesgericht München durchleuchtet von Donnerstag an den Polizistenmord von Heilbronn vom April 2007. Drei Verhandlungstage sind beim NSU-Prozess für die Anhörung der Zeugen vorgesehen.

Erstmals wird am Donnerstag einer der Überlebenden der Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) öffentlich auftreten. Martin A. ist vom Oberlandesgericht München als Zeuge geladen. Der Polizist gehörte zu der Streife der Bereitschaftspolizei Böblingen, auf die am 25. April 2007 in Heilbronn geschossen wurde. Der aus Bremen stammende A., damals 24, überlebte die Kopfschüsse, während seine Kollegin, die Thüringerin Michèle Kiesewetter (22), auf dem Fahrersitz des BMW starb.

Die Tat Ein Radfahrer hatte das Verbrechen auf dem Festplatz Theresienwiese gegen 14 Uhr entdeckt, er informierte einen Taxifahrer, der wiederum die Polizei alarmierte. Die Stadt mit rund 120.000 Einwohnern wurde von einem Großaufgebot der Polizei abgeriegelt. Doch die Täter entkamen, vermutlich mit einem Wohnmobil. Selbst eine Belohnung von 300.000 Euro erbrachte keine Hinweise, wer hinter dem Anschlag stecken könnte. Erst "Kommissar Zufall" verhalf im November 2011 zum Durchbruch.

Die Funde In einem brennenden Wohnmobil in Eisenach (Thüringen) liegen die beiden Dienstwaffen, die den Opfern in Heilbronn abgenommen worden waren. In dem Fahrzeug befinden sich die Leichen von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die sich offenbar nach einem Bankraub umgebracht haben. In dem Haus, das ihre mutmaßliche Komplizin Beate Zschäpe in Zwickau angezündet haben soll, entdecken Fahnder weitere Beweisstücke, die mit dem Heilbronner Anschlag zu tun haben, etwa die Tatwaffen des Typs Tokarev und Radom sowie Taschenlampe, Handschellen und Multifunktionswerkzeug aus dem Besitz der Polizisten. Blut von Kiesewetter haftete an einer Jogginghose, die Uwe Mundlos zugeschrieben wird und nicht mehr gewaschen worden war - als wäre sie eine Trophäe.

Die Panne Mit diesen Funden ist der Anschlag von Heilbronn allerdings nicht vollständig aufgeklärt. Es handelt sich um das rätselhafteste Verbrechen, das nicht in das "NSU"-Muster passt. Es gibt so viele Widersprüche, Merkwürdigkeiten und Lücken, dass eine peinliche Panne vergessen werden kann: Zwei Jahre lang suchte die Polizei ein Phantom, weil ein zur Spurensicherung verwendetes Wattestäbchen verunreinigt war.

Die Zeugen Es gibt zwar keine Augenzeugen der Tat, aber Aussagen von Menschen, die weiter entfernt waren und die Mörder gesehen haben wollen. Die Rede ist von Flüchtenden mit blutverschmierter Kleidung, auch sollen sich zwei Männer und eine Frau ("mit weißem Kopftuch") am Neckar von Blut gereinigt haben. Nach diesen Schilderungen müssten bis zu sechs Täter der Polizeistreife aufgelauert haben. Unter Verschluss gehaltene Phantombilder haben keine Ähnlichkeit mit dem "NSU"-Trio.

Die Phantombilder Der Polizist Martin A. soll sich offiziell an keine Details des Anschlags erinnern. Auch eine Aussage unter Hypnose soll nichts erbracht haben, wurde behauptet. Doch inzwischen weiß man, dass nach seinen Angaben das Phantombild eines Mannes entstand, das keine Ähnlichkeit mit Mundlos oder Böhnhardt aufweist.

Die Informanten Zusätzliche Verwirrung stifteten Informationen, wonach sich ausgerechnet an jenem 25. April 2007 auffallend viele Mitarbeiter oder Informanten des Verfassungsschutzes und von US-Diensten in Heilbronn aufgehalten oder auf dem Weg dorthin befunden haben soll. Ein möglicher Zeuge wurde am 16. September 2013 tot in einem ausgebrannten Auto in Stuttgart gefunden - er sollte erneut vom Landeskriminalamt befragt werden.

Der Ku-Klux-Klan Äußerst seltsam ist auch, dass der unmittelbare Vorgesetzte von Kiesewetter zeitweise einem schwäbischen Ableger des rechtsradikalen Ku-Klux-Klan angehörte. Ein Onkel Kiesewetters, gleichfalls Polizist, soll bereits im Mai 2007 eine Verbindung des Mordes an seiner Nichte mit den rassistisch motivierten "Türkenmorden" vermutet haben. Fünf Jahre später schwächte er diese Theorie allerdings ab.

Der Untersuchungsausschuss Rügen gab es vom Untersuchungsausschuss des Bundestags für die von Reibereien geprägte Zusammenarbeit von Heilbronner Staatsanwaltschaft und jener Sonderkommission, die bei der örtlichen Polizeidirektion eingerichtet und 2009 an das Landeskriminalamt abgegeben wurde. Kritisiert wurden Verzögerungen, Versäumnisse, Falscheinschätzungen und Schlampereien. Das private E-Mail-Postfach der Polizistin war nicht ausgewertet worden. Videos vom Tatort, auf dem damals gerade ein Maifest aufgebaut worden war, wurden erst im Dezember 2009 gesichtet.

Die Ermittler Eine lückenlose Aufklärung durch einen Untersuchungsausschuss hat es nicht gegeben. Innenminister Reinhold Gall (SPD) richtete stattdessen beim Landeskriminalamt die Ermittlergruppe "Umfeld" ein. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor.

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