Gesundheit Medizin: Hausbesuch statt Psychiatrie

Stuttgart / Roland Müller und Silja Kummer 19.06.2018
Heimbehandlung statt Psychiatrie: Den modernen Ansatz gibt es jetzt auch im Land. Kommt nun der flächendeckende Ausbau?

Ein Versprechen kann manchmal viel Wert sein. „Ich habe es der Frau Doktor in der Klinik versprochen: Ich tue mir nichts an“, sagt die Patientin zu Chefarzt Martin Zinkler. Die 75-Jährige leidet an einer schweren Depression, sie hatte schon einen Suizidversuch unternommen. Ein typischer Fall für eine stationäre Einweisung. Doch statt hinter Klinikmauern wird die Frau zu Hause behandelt: Jeden Tag kommt das „Home-Treatment“-Mobil zu ihr nach Hause. Arzt und Pfleger besprechen die Medikation, nehmen Blut ab, fragen nach dem Tagesablauf. Die gewohnte Umgebung tue ihr gut, sagt sie. „Hier rufen mich meine Freundinnen oft an, und ich habe Beschäftigung.“ Auch ihr Mann ist froh, dass sie zu Hause ist.

Psychosen, Schizophrenie, Depressionen: Wenn Menschen in schwere psychische Krisen abrutschen, war in Deutschland bis vor wenigen Jahren ein Klinik-Aufenthalt der einzige Weg, ihnen intensive psychiatrische Hilfe zukommen zu lassen. Jetzt kann die Klinik auch zum Menschen kommen. „Die Modellversuche haben viel bewegt“, sagt Zinkler, Chefarzt der psychiatrischen Klinik in Heidenheim. „Noch vor zehn Jahren gab es das nirgendwo in Deutschland“. Seit 2017 ist Heidenheim Modellprojekt – als einziger Standort in Baden-Württemberg. Doch schon bald könnte es ähnliche Angebote vielerorts im Land geben – eine kleine Revolution in der Psychiatrie.

Wissenschaftlich sind die Vorteile der „aufsuchenden Psychiatrie“ unumstritten: Laut Studien ist der Behandlungserfolg ebenso gut wie in der Klinik – allerdings sind die Patienten deutlich zufriedener. Außerdem können Familie und Umfeld besser in die Behandlung einbezogen werden. „Angehörige haben es oft schwer, mit dem Patienten zusammenzuleben“, sagt Rainer Höflacher, Vorsitzender des Landesverbands Psychiatrie-Erfahrener. „Bei dieser Form der Behandlung kann auch die Familie viel besser unterstützt werden.“

Auch die Hemmschwelle, seine psychische Erkrankung behandeln zu lassen, kann durch Heimbehandlung sinken. „Das kann zum Beispiel ein Landwirt sein, der seine Tiere nicht alleine lassen will, aber dringend Hilfe braucht“, sagt Zinkler. Auch bei Müttern mit kleinen Kindern könne es eine passgenaue Lösung sein. „Man kann bei der Behandlung flexibel abstimmen, was der einzelne Patient braucht“, sagt Zinkler. So kommen viele zuerst für einige Tage stationär in die Klinik und wechseln dann in die Heimbehandlung. Wobei die auch nicht für jeden geeignet ist. „Es gibt auch Patienten, die darf man nicht aus den Augen lassen.“

Die Wirkung des Modellprojekts lässt sich auch in Zahlen ablesen: Die Belegung der Klinik ist auf 80 Prozent gesunken, dafür hat sich die Zahl der Patienten der Tagesklinik verdoppelt. Auch Sozialminister Manne Lucha (Grüne) wertet das als vollen Erfolg: Es gebe sich fließendere Übergänge zwischen stationärer und ambulanter Versorgung, auch das Vertrauen zwischen Arzt und Patient werde gestärkt. Das sei „ein wichtiger und richtiger Schritt hin zu einer patientenorientierten sektorenübergreifenden Versorgung“, sagt Lucha.

So sei es politisch gewollt, dass es die Angebote bald flächendeckend im Land gibt. Die Grundlage hat der Bund jüngst geschaffen: Musste bisher jedes Modell mühsam mit den Kassen ausgehandelt werden, ist „stationsäquivalente Behandlung“ (Stäb) nun im Sozialgesetzbuch verankert. Am Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg, das zwischen Stuttgart und Bodensee aktiv ist, wird „Stäb“ schon praktiziert.

Ob und wann andere Kliniken nachziehen, ist noch offen. „Es geht sehr langsam voran“, sagt Höflacher. „Wir hoffen, dass die Kliniken nicht vor dem Aufwand zurückschrecken, sondern es angehen.“ Auch im Ministerium verfolgt man die Entwicklung genau. „Es wird auch auf die Kassen ankommen“, sagt Referatsleiterin Christina Rebmann. „Wenn sie sich große Kosten-Einsparungen erhoffen, könnte es problematisch werden.“ Denn billiger ist Heimbehandlung nicht unbedingt – teurer aber auch nicht.

Auf die Abrechnung kommt es an

In England gehört Heimbehandlung seit Jahren zum Alltag in der Psychiatrie – hierzulande war es ein langes Ringen, bis sich Kassen und Verbände auf Regelungen zur „stationsäquivalenten Behandlung“ einigten, die die Umsetzung seit Januar 2018 möglich machen.

Der Grund für die Schwierigkeiten ist die strikte Trennung im Gesundheitssystem zwischen stationär und ambulant sowie zwischen Kliniken und der (kommunalen) Gemeindepsychiatrie. Diese Unterscheidungen sind für Abrechnung von Leistungen zentral, verhindern aber oft flexible und vernetzte Ansätze.

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